S3-Leitlinie Angststörungen: Diagnostik und Therapie
📋Auf einen Blick
- •Die Kombination aus Psychotherapie und Pharmakotherapie wird für die meisten Angststörungen empfohlen.
- •Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist die psychotherapeutische Methode der ersten Wahl (Empfehlungsgrad A+).
- •SSRI und SNRI sind die medikamentösen Mittel der ersten Wahl; Benzodiazepine sollen aufgrund des Abhängigkeitsrisikos vermieden werden.
Die S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen (Version 2, 2021) bietet evidenzbasierte Empfehlungen für die Diagnostik und Therapie der Panikstörung/Agoraphobie, der generalisierten Angststörung, der sozialen Phobie sowie spezifischer Phobien.
Diagnostik und Differenzialdiagnostik
Die Diagnosestellung erfolgt nach den Kriterien der ICD-10-GM. Da Angststörungen in der Primärversorgung häufig nicht erkannt werden, empfiehlt die Leitlinie gezielte Screening-Fragen.
| Angststörung | Screening-Fragen (Beispiele) |
|---|---|
| Panikstörung / Agoraphobie | Haben Sie plötzliche Zustände von Angst und Schrecken mit Symptomen wie Herzrasen oder Luftnot? Vermeiden Sie Menschenmengen oder enge Räume? |
| Generalisierte Angststörung | Fühlen Sie sich oft nervös? Machen Sie sich ständig Sorgen, die Sie nicht kontrollieren können? |
| Soziale Phobie | Haben Sie Angst, dass andere negativ über Sie urteilen oder Ihr Verhalten als peinlich ansehen könnten? |
| Spezifische Phobie | Haben Sie starke Angst vor bestimmten Dingen wie Spinnen, Höhen oder Spritzen? |
Zum Ausschluss somatischer Ursachen (z. B. kardiovaskuläre, neurologische oder endokrine Erkrankungen) müssen eine ausführliche Anamnese, eine körperliche Untersuchung, ein EKG sowie Basis-Laborwerte (Blutbild, Blutzucker, Elektrolyte, TSH) erhoben werden.
Allgemeine Therapieprinzipien
Eine Behandlung ist indiziert bei mittlerem bis schwerem Leidensdruck, psychosozialen Einschränkungen oder drohenden Komplikationen. Die Therapieauswahl sollte patientenorientiert erfolgen und Präferenzen, Wartezeiten sowie mögliche Nebenwirkungen berücksichtigen. Bei komorbiden Störungen (z. B. Depressionen) muss eine leitliniengerechte Mitbehandlung erfolgen.
Panikstörung und Agoraphobie
Patienten soll eine Kombination aus Psychotherapie und Pharmakotherapie angeboten werden (Empfehlungsgrad A+).
Psychotherapie
Die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist die Methode der ersten Wahl (A+). Bei Agoraphobie soll sie Expositionselemente in Begleitung eines Therapeuten umfassen (KKP). Ist eine KVT nicht wirksam oder nicht verfügbar, sollte eine psychodynamische Psychotherapie angeboten werden (B+). Zur Überbrückung der Wartezeit können KVT-basierte Internetinterventionen oder Sport (Ausdauertraining) als ergänzende Maßnahmen empfohlen werden (KKP+).
Pharmakotherapie
Benzodiazepine sollen aufgrund des Abhängigkeitsrisikos grundsätzlich nicht angeboten werden (KKP), außer in streng begründeten Ausnahmefällen.
| Wirkstoffklasse | Medikament | Tagesdosis | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|---|
| SSRI | Citalopram | 20–40 mg | A+ |
| SSRI | Escitalopram | 10–20 mg | A+ |
| SSRI | Paroxetin | 20–50 mg | A+ |
| SSRI | Sertralin | 50–150 mg | A+ |
| SNRI | Venlafaxin | 75–225 mg | A+ |
| TZA | Clomipramin | 75–250 mg | B+ |
Generalisierte Angststörung (GAD)
Auch hier wird primär eine KVT (A+) oder bei Nichtansprechen eine psychodynamische Psychotherapie (B+) empfohlen.
| Wirkstoffklasse | Medikament | Tagesdosis | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|---|
| SSRI | Escitalopram | 10–20 mg | A+ |
| SSRI | Paroxetin | 20–50 mg | A+ |
| SNRI | Duloxetin | 60–120 mg | A+ |
| SNRI | Venlafaxin | 75–225 mg | A+ |
| Kalziummodulator | Pregabalin | 150–600 mg | B+ |
| TZA | Opipramol | 50–300 mg | 0+ |
| Azapiron | Buspiron | 15–60 mg | 0+ |
Soziale Phobie
Die KVT ist die psychotherapeutische Erstlinientherapie (A+). Alternativ kommen psychodynamische Psychotherapie (B+) oder Systemische Therapie (0+) in Betracht.
| Wirkstoffklasse | Medikament | Tagesdosis | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|---|
| SSRI | Escitalopram | 10–20 mg | A+ |
| SSRI | Paroxetin | 20–50 mg | A+ |
| SSRI | Sertralin | 50–150 mg | A+ |
| SNRI | Venlafaxin | 75–225 mg | A+ |
| RIMA | Moclobemid | 300–600 mg | KKP+ |
Spezifische Phobie
Die Behandlung der Wahl ist die KVT mit Expositionstherapie (A+). Wenn eine In-vivo-Exposition nicht möglich ist, kann bei Spinnen-, Höhen- oder Flugphobie eine Virtuelle-Realität-Expositionstherapie angeboten werden (KKP+).
💡Praxis-Tipp
Führen Sie bei Verdacht auf eine Angststörung stets eine Basisdiagnostik (EKG, Schilddrüsenwerte, Blutbild) durch, um somatische Ursachen auszuschließen. Verzichten Sie auf die Verordnung von Benzodiazepinen, es sei denn, es liegen absolute, streng befristete Ausnahmesituationen vor.