Neuroendokrine Tumore (NET): S2k-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die histologische Sicherung erfordert die Klassifikation (NET/NEC), das Grading (Ki-67) sowie Synaptophysin und Chromogranin A.
- •Chromogranin A (CgA) soll bei allen NEN bestimmt werden, eignet sich jedoch nicht als Screening-Parameter.
- •Bei Verdacht auf ein Karzinoid-Syndrom oder Dünndarm-NET ist die Bestimmung von 5-HIES im 24-Stunden-Sammelurin indiziert.
- •Die funktionelle Bildgebung der Wahl bei NET G1/G2 ist die Somatostatin-Rezeptor-PET/CT (SSR-PET/CT).
- •Die Nachsorgeintervalle richten sich nach dem Grading: NET G1 (6-12 Monate), NET G2 (6 Monate) und NEN G3 (3 Monate).
Hintergrund
Neuroendokrine Tumore (NET) und neuroendokrine Karzinome (NEC) des Gastrointestinaltraktes machen ca. 1 % aller malignen Tumore aus. Die Diagnostik ist oft schwierig und erfordert ein interdisziplinäres Vorgehen. Diese Zusammenfassung basiert auf der S2k-Leitlinie der AWMF zur Diagnostik und Nachsorge neuroendokriner Tumore.
Pathologie und Histologie
Die histopathologische Aufarbeitung ist für die Klassifikation und Therapieplanung essenziell.
Minimale Anforderungen an den Befund:
- Histologische Klassifikation (NET oder NEC)
- Differenzierungsgrad (hoch- vs. niedrigdifferenziert)
- Proliferationsbasiertes Grading mit Ki-67-Index (Mib1)
- Bei Resektaten: TNM-Klassifikation, R-Status, Gefäß- und Perineuralscheideninfiltration
| Marker | Indikation / Bedeutung |
|---|---|
| Synaptophysin & Chromogranin A | Starke Empfehlung: Primäre immunhistochemische Marker für alle NEN. |
| Ki-67 (Mib1) | Starke Empfehlung: Zur Bestimmung der Proliferationsrate (Auszählung in "hot spots"). |
| SSTR2A | Optionale Diagnostik bei Erstdiagnose zur Abschätzung der Rezeptorexpression. |
Labordiagnostik
Die Labordiagnostik dient der Verlaufskontrolle und der Detektion spezifischer Hormonsekretionen.
Allgemeine Tumormarker
- Chromogranin A (CgA): Soll bei allen NEN zumindest einmalig bestimmt werden. Wichtig: CgA ist kein Screeningparameter. Falsch-hohe Werte entstehen u.a. durch Niereninsuffizienz, atrophe Gastritis und PPI-Therapie. PPI sollten vor der Bestimmung für 10-14 Tage pausiert werden.
- 5-Hydroxyindolessigsäure (5-HIES): Bestimmung im 24-Stunden-Sammelurin bei Verdacht auf Dünndarm-NET oder Karzinoid-Syndrom. Interferierende Nahrungsmittel (z.B. Bananen, Walnüsse) sind vorher zu meiden.
- Neuronenspezifische Enolase (NSE): Sollte bei NEC (G3) zusätzlich zu CgA bestimmt werden.
Spezifische Labordiagnostik
| Parameter | Indikation |
|---|---|
| Gastrin | Bei duodenalen NET, V.a. Zollinger-Ellison-Syndrom (ZES). Diagnose bei pH < 2 und Gastrin > 1000 pg/ml oder positivem Sekretin-Test. |
| Insulin, C-Peptid, Proinsulin | Bei V.a. Insulinom. Sicherung durch 72-Stunden-Hungerversuch. |
| Glukagon | Bei V.a. Glukagonom / Erythema necrotica migrans. |
| VIP | Bei wässrigen Durchfällen (V.a. VIPom). |
| Calcium, PTH, Prolaktin | Zum Ausschluss einer MEN1 bei duodenalen/pankreatischen NET oder Gastrinomen. |
Bildgebende Diagnostik
Die Bildgebung kombiniert morphologische und funktionelle Verfahren zum exakten Staging.
| Verfahren | Indikation und Empfehlung |
|---|---|
| SSR-PET/CT | Starke Empfehlung: Bevorzugte funktionelle Bildgebung bei jedem NET G1 oder G2 (Ausnahmen: Magen-NET Typ I <1 cm, Rektum-NET G1 <1 cm, Appendix-NET <1 cm ohne Risikofaktoren). |
| CT / MRT Abdomen | Starke Empfehlung: Multidetektor-CT (3 Phasen, inkl. früharteriell) oder KM-MRT. MRT ist für die Detektion von Lebermetastasen überlegen. |
| Echokardiografie | Starke Empfehlung: Transthorakale Echokardiografie (TTE) bei Karzinoid-Syndrom zum Ausschluss eines Hedinger-Syndroms (Rechtsherzbelastung). |
Nachsorge und Verlaufskontrolle
Die Nachsorge soll bevorzugt in spezialisierten Zentren erfolgen und umfasst laborchemische (CgA) und bildgebende Kontrollen (CT/MRT, ggf. SSR-PET/CT). Die Dauer der Nachsorge sollte bei R0-Resektion 10 bis 15 Jahre betragen.
Ausnahme: Keine spezifische Nachsorge bei R0-resezierten NET der Appendix (pT1, <1 cm) ohne Risikofaktoren.
Nachsorgeintervalle nach R0-Resektion
| Grading | Empfohlenes Intervall |
|---|---|
| NET G1 | Alle 6 - 12 Monate |
| NET G2 | Alle 6 Monate |
| NET / NEC G3 | Initial mindestens alle 3 Monate |
Bei fehlendem Tumornachweis im Verlauf können die Intervalle sukzessive verlängert werden (maximal auf 3 bis 5 Jahre in der Langzeitnachsorge).
💡Praxis-Tipp
Setzen Sie Protonenpumpeninhibitoren (PPI) vor der Bestimmung von Chromogranin A oder Gastrin nach Möglichkeit für 10-14 Tage ab, da diese zu falsch-hohen Werten führen.