Klinische Ernährung in der Chirurgie: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Klare Flüssigkeiten sind bis 2 Stunden, feste Speisen bis 6 Stunden vor der Anästhesie erlaubt.
- •Ein früher oraler oder enteraler Kostaufbau wird nach chirurgischen Eingriffen empfohlen.
- •Ernährungstherapie ist indiziert, wenn postoperativ für ≥ 5 Tage keine Nahrungsaufnahme möglich ist.
- •Parenterale Ernährung soll sofort starten, wenn eine enterale Zufuhr kontraindiziert ist.
- •Glutamin ist bei schwerem Leber-, Nieren- oder Multiorganversagen streng kontraindiziert.
Hintergrund
Die Vermeidung einer ausgeprägten Katabolie nach chirurgischen Eingriffen ist ein zentraler Bestandteil des ERAS-Konzepts (Enhanced Recovery After Surgery). Chirurgische Eingriffe induzieren eine metabolische Stressantwort und Insulinresistenz. Mangel- und Unterernährung stellen signifikante Risikofaktoren für postoperative Komplikationen dar. Daher ist ein frühzeitiges Screening auf Mangelernährung (z. B. NRS 2002) essenziell.
Präoperatives Fasten und Konditionierung
Das Dogma des strikten präoperativen Fastens ist obsolet, da sich daraus keine Vorteile ergeben und das Aspirationsrisiko bei Beachtung der Zeitfenster nicht erhöht ist.
| Nahrungsart | Nüchternzeit vor Anästhesie | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Klare Flüssigkeiten | 2 Stunden | A |
| Leicht verdauliche, feste Speisen | 6 Stunden | A |
Zusätzlich wird vor großen elektiven abdominellen Operationen das sogenannte "Carbohydrate Loading" empfohlen (Empfehlungsgrad B/0). Hierbei sollen die Kohlenhydratspeicher gezielt aufgefüllt werden, wobei die flüssige Kohlenhydratgabe bis 2 Stunden vor Anästhesiebeginn erfolgen kann.
Postoperativer Kostaufbau
Die orale oder enterale Nahrungsaufnahme soll nach chirurgischen Eingriffen frühzeitig begonnen werden (Empfehlungsgrad A). Der Kostaufbau muss dabei an die Art des chirurgischen Eingriffs und die individuelle Toleranz des Patienten adaptiert werden (Empfehlungsgrad KKP). Eine frühe Nahrungszufuhr fördert die rasche Rekonvaleszenz und reduziert die postoperative Stressreaktion.
Indikationen zur Ernährungstherapie
Der Ernährungsstatus soll vor und nach größeren Eingriffen systematisch erhoben werden. Wenn die Bedarfsdeckung oral nicht möglich ist, gelten folgende Stufen:
| Klinische Situation | Empfohlene Maßnahme | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Keine orale Aufnahme für ≥ 5 Tage zu erwarten | Unverzüglicher Beginn der Ernährungstherapie | KKP |
| < 50% des Energiebedarfs für > 7 Tage oral deckbar | Ernährungstherapie (bevorzugt enteral) | KKP |
| Enterale Ernährung kontraindiziert (z. B. Ileus) | Sofortiger Beginn der parenteralen Ernährung | A |
Parenterale Ernährung (PE)
Wenn der Energie- und Substratbedarf nicht durch orale/enterale Ernährung allein gedeckt werden kann (< 50% für mehr als 7 Tage), kann ab Tag 3-4 eine Kombination mit parenteraler Ernährung erfolgen (Empfehlungsgrad KKP).
- Liegt die voraussichtliche Dauer der Supplementierung zwischen 4 und 7 Tagen, kann die PE über einen peripheren Zugang erfolgen (Empfehlungsgrad 0).
- Die Implantation eines zentralvenösen Katheters ausschließlich zur PE muss kritisch gestellt werden (Empfehlungsgrad A).
- Bei der PE sollten Dreikammerbeutel (All-in-one) den Einzelkomponenten vorgezogen werden (Empfehlungsgrad B).
Spezifische Substrate und Immunonutrition
Der Einsatz spezifischer immunmodulierender Substrate wird in der Leitlinie differenziert betrachtet:
| Substrat | Indikation / Bemerkung | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Glutamin (parenteral) | Nicht empfohlen bei ausreichender enteraler Ernährung | 0 |
| Glutamin | Kontraindiziert bei schwerem Leber-, Nieren- oder Multiorganversagen | A |
| Glutamin (enteral) | Zusätzliche enterale Pharmakotherapie generell nicht empfohlen | B |
| Omega-3-Fettsäuren | Postoperative PE bei Patienten, die überwiegend parenteral ernährt werden müssen | B |
| Immunonutrition | Prä- oder perioperativ bei Patienten vor großen Tumoroperationen erwägbar | 0 |
💡Praxis-Tipp
Führen Sie bei jedem chirurgischen Patienten bei Aufnahme ein Ernährungs-Screening (z. B. NRS 2002) durch. Vermeiden Sie unnötig lange Nüchternphasen – klare Flüssigkeiten sind bis 2 Stunden vor der OP sicher.