Klinische Ernährung in der Chirurgie: S3-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Klare Flüssigkeiten sind bis 2 Stunden, feste Speisen bis 6 Stunden vor der Anästhesie erlaubt.
  • Ein früher oraler oder enteraler Kostaufbau wird nach chirurgischen Eingriffen empfohlen.
  • Ernährungstherapie ist indiziert, wenn postoperativ für ≥ 5 Tage keine Nahrungsaufnahme möglich ist.
  • Parenterale Ernährung soll sofort starten, wenn eine enterale Zufuhr kontraindiziert ist.
  • Glutamin ist bei schwerem Leber-, Nieren- oder Multiorganversagen streng kontraindiziert.
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Hintergrund

Die Vermeidung einer ausgeprägten Katabolie nach chirurgischen Eingriffen ist ein zentraler Bestandteil des ERAS-Konzepts (Enhanced Recovery After Surgery). Chirurgische Eingriffe induzieren eine metabolische Stressantwort und Insulinresistenz. Mangel- und Unterernährung stellen signifikante Risikofaktoren für postoperative Komplikationen dar. Daher ist ein frühzeitiges Screening auf Mangelernährung (z. B. NRS 2002) essenziell.

Präoperatives Fasten und Konditionierung

Das Dogma des strikten präoperativen Fastens ist obsolet, da sich daraus keine Vorteile ergeben und das Aspirationsrisiko bei Beachtung der Zeitfenster nicht erhöht ist.

NahrungsartNüchternzeit vor AnästhesieEmpfehlungsgrad
Klare Flüssigkeiten2 StundenA
Leicht verdauliche, feste Speisen6 StundenA

Zusätzlich wird vor großen elektiven abdominellen Operationen das sogenannte "Carbohydrate Loading" empfohlen (Empfehlungsgrad B/0). Hierbei sollen die Kohlenhydratspeicher gezielt aufgefüllt werden, wobei die flüssige Kohlenhydratgabe bis 2 Stunden vor Anästhesiebeginn erfolgen kann.

Postoperativer Kostaufbau

Die orale oder enterale Nahrungsaufnahme soll nach chirurgischen Eingriffen frühzeitig begonnen werden (Empfehlungsgrad A). Der Kostaufbau muss dabei an die Art des chirurgischen Eingriffs und die individuelle Toleranz des Patienten adaptiert werden (Empfehlungsgrad KKP). Eine frühe Nahrungszufuhr fördert die rasche Rekonvaleszenz und reduziert die postoperative Stressreaktion.

Indikationen zur Ernährungstherapie

Der Ernährungsstatus soll vor und nach größeren Eingriffen systematisch erhoben werden. Wenn die Bedarfsdeckung oral nicht möglich ist, gelten folgende Stufen:

Klinische SituationEmpfohlene MaßnahmeEmpfehlungsgrad
Keine orale Aufnahme für ≥ 5 Tage zu erwartenUnverzüglicher Beginn der ErnährungstherapieKKP
< 50% des Energiebedarfs für > 7 Tage oral deckbarErnährungstherapie (bevorzugt enteral)KKP
Enterale Ernährung kontraindiziert (z. B. Ileus)Sofortiger Beginn der parenteralen ErnährungA

Parenterale Ernährung (PE)

Wenn der Energie- und Substratbedarf nicht durch orale/enterale Ernährung allein gedeckt werden kann (< 50% für mehr als 7 Tage), kann ab Tag 3-4 eine Kombination mit parenteraler Ernährung erfolgen (Empfehlungsgrad KKP).

  • Liegt die voraussichtliche Dauer der Supplementierung zwischen 4 und 7 Tagen, kann die PE über einen peripheren Zugang erfolgen (Empfehlungsgrad 0).
  • Die Implantation eines zentralvenösen Katheters ausschließlich zur PE muss kritisch gestellt werden (Empfehlungsgrad A).
  • Bei der PE sollten Dreikammerbeutel (All-in-one) den Einzelkomponenten vorgezogen werden (Empfehlungsgrad B).

Spezifische Substrate und Immunonutrition

Der Einsatz spezifischer immunmodulierender Substrate wird in der Leitlinie differenziert betrachtet:

SubstratIndikation / BemerkungEmpfehlungsgrad
Glutamin (parenteral)Nicht empfohlen bei ausreichender enteraler Ernährung0
GlutaminKontraindiziert bei schwerem Leber-, Nieren- oder MultiorganversagenA
Glutamin (enteral)Zusätzliche enterale Pharmakotherapie generell nicht empfohlenB
Omega-3-FettsäurenPostoperative PE bei Patienten, die überwiegend parenteral ernährt werden müssenB
ImmunonutritionPrä- oder perioperativ bei Patienten vor großen Tumoroperationen erwägbar0

💡Praxis-Tipp

Führen Sie bei jedem chirurgischen Patienten bei Aufnahme ein Ernährungs-Screening (z. B. NRS 2002) durch. Vermeiden Sie unnötig lange Nüchternphasen – klare Flüssigkeiten sind bis 2 Stunden vor der OP sicher.

Häufig gestellte Fragen

Klare Flüssigkeiten sind bis 2 Stunden, leicht verdauliche feste Speisen bis 6 Stunden vor Anästhesiebeginn erlaubt, sofern kein besonderes Aspirationsrisiko besteht.
So früh wie möglich. Die orale oder enterale Nahrungsaufnahme soll frühzeitig und adaptiert an die Toleranz des Patienten sowie die Art des Eingriffs starten.
Wenn absehbar ist, dass der Patient postoperativ für 5 Tage oder länger keine Nahrung aufnehmen kann, oder für mehr als 7 Tage unter 50% seines Bedarfs deckt.
Eine routinemäßige Gabe wird nicht empfohlen, wenn der Patient ausreichend enteral ernährt werden kann. Bei schwerem Leber-, Nieren- oder Multiorganversagen ist Glutamin streng kontraindiziert.
Das gezielte Auffüllen der Kohlenhydratspeicher vor großen elektiven abdominellen Operationen durch flüssige Kohlenhydratgabe bis 2 Stunden vor Anästhesiebeginn, um den perioperativen Katabolismus zu reduzieren.

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