Atemwegsviren bei Krebspatienten: Leitlinie (Onkopedia)
📋Auf einen Blick
- •CRV-Infektionen können bei Krebspatienten lebensbedrohliche Pneumonien verursachen, oft kompliziert durch bakterielle oder fungale Ko-Infektionen.
- •Die Diagnostik sollte primär mittels DNA/RNA-Amplifikation (NAT) aus Abstrichen oder BAL erfolgen.
- •Zum Nachweis einer Infektion der unteren Atemwege ist ein CT-Thorax dem konventionellen Röntgen vorzuziehen.
- •Bei allogener Stammzelltransplantation und CRV-Nachweis sollte die Konditionierung verschoben oder die Immunsuppression reduziert werden.
- •Zur antiviralen Therapie werden je nach Erreger Oseltamivir, Zanamivir, Ribavirin oder Cidofovir eingesetzt.
Hintergrund
Ambulant erworbene Virusinfektionen der Atemwege (CRV) können bei Krebspatienten zu schweren und lebensbedrohlichen Krankheitsbildern führen. Die Mortalität hängt vom jeweiligen Virus ab und kann bei Influenza- oder RSV-Infektionen bis zu 25 % betragen. Bei etwa 30 % der CRV-Infektionen treten Ko-Infektionen mit Bakterien oder Pilzen auf, die den Verlauf maßgeblich verschlechtern.
Besondere Risikofaktoren für einen schweren Verlauf sind:
- Maligne hämatologische Grunderkrankungen
- Immunsuppression (Steroide, Graft-versus-Host Erkrankung, Zytopenie)
- Niedrige Immunglobulin-Werte
Die klinischen Bilder werden wie folgt klassifiziert:
| Krankheitsbild | Abkürzung | Typische Symptome |
|---|---|---|
| Infektion der oberen Atemwege | URTI | Husten, Auswurf, Halsentzündung, Kurzatmigkeit |
| Grippe-ähnliche Erkrankung | ILI | Plötzliches Fieber, Unwohlsein, Kopf-/Muskelschmerzen oder mind. ein URTI-Symptom |
| Infektion der unteren Atemwege | LRTI | Klinischer oder radiologischer Nachweis einer Pneumonie |
Diagnostik
Bei Krebspatienten mit charakteristischen Symptomen muss eine gezielte Diagnostik eingeleitet werden. Zur Sicherung der viralen Genese ist der Virusnachweis erforderlich.
| Untersuchung | Fragestellung / Ziel | Empfehlung |
|---|---|---|
| DNA/RNA Amplifikation (NAT) aus Abstrichen oder BAL | Nachweis eines viralen Erregers | A-II |
| CT Thorax | Nachweis einer Infektion der unteren Atemwege (LRTI) | A-II |
| Serologie | Nachweis eines Erregers / Diagnose der Infektion | D-III (Nicht empfohlen) |
| Röntgen Thorax | Nachweis einer Infektion der unteren Atemwege (LRTI) | D-II (Nicht empfohlen) |
Infektionskontrolle und Management
Die wichtigste Maßnahme zur Verhinderung lokaler Virusepidemien ist die Infektionskontrolle. Dazu gehören Hände-Hygiene (A-II), das Tragen von Gesichtsmasken (B-II) und Kontakt-Isolierung (A-III).
Für das klinische Management der Grunderkrankung gelten folgende Empfehlungen:
| Risikogruppe | Situation | Maßnahme | Empfehlung |
|---|---|---|---|
| Allogene SZT | Nachweis von CRV | Verschiebung der Konditionierung | A-II |
| Andere Chemotherapien | Nachweis von CRV | Verschiebung der Chemotherapie (wenn möglich) | C-III |
| Allogene SZT | Pneumonie (LRTI) durch Adenoviren oder CRV | Reduktion der Immunsuppression | A-II |
| Allogene SZT | URTI durch CRV | Reduktion der Immunsuppression | C-III |
| Immunsuppression | Nachweis von CRV | Steroide >2mg/kg KG | D-III (Nicht empfohlen) |
Hinweis: Für supportive Maßnahmen wie Vitamin C, Echinacea oder Zink gibt es keine belastbare Evidenz zur Wirksamkeit.
Antivirale Therapie
Der Einsatz spezifischer antiviraler Medikamente sollte idealerweise nach lokalen Protokollen in Abstimmung mit Infektiologen erfolgen. Krebspatienten scheiden Viren oft deutlich länger aus, was eine längere Behandlungs- und Isolationsdauer rechtfertigt.
| Virus | Wirkstoff | Ziel / Indikation | Empfehlung |
|---|---|---|---|
| Influenza | Oseltamivir | Prävention der Infektion, Verkürzung der Krankheitsdauer | B-II |
| Influenza | Zanamivir | Prävention der Infektion, Verkürzung der Krankheitsdauer | B-II |
| RSV | Ribavirin | Verhinderung von LRTI, Verbesserung der Überlebensrate | B-II |
| Parainfluenza | Ribavirin | Verhinderung von LRTI, Verbesserung der Überlebensrate | C-III |
| Adenovirus | Cidofovir | Heilung bei Adenovirus-assoziierter Pneumonitis | B-II |
Amantadin und Rimantadin werden bei Influenza aufgrund hoher Resistenzraten nicht mehr empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei der Diagnostik von Atemwegsinfektionen auf Serologien (D-III) und konventionelle Röntgenbilder des Thorax (D-II). Setzen Sie stattdessen direkt auf PCR/NAT-Verfahren und ein CT-Thorax.