Visuelle Wahrnehmungsstörungen: S2k-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Visuelle Wahrnehmungsstörungen umfassen zentrale Störungen der Verarbeitung visueller Reize (Cerebral Visual Impairment, CVI).
- •Eine ausführliche ophthalmologische und neuropädiatrische Diagnostik ist bei Verdacht zwingend erforderlich.
- •Die objektive Refraktionsbestimmung bei Kindern muss zwingend in Zykloplegie erfolgen.
- •Bei syndromalen Erkrankungen (z.B. Down-, Turner-Syndrom) muss die visuelle Wahrnehmung explizit erfasst werden.
- •Die Therapieindikation leitet sich aus alltagsrelevanten Problemen ab, nicht allein aus testpsychologischen Ergebnissen.
Hintergrund
Der Begriff der visuellen Wahrnehmungsstörung ist unscharf definiert und bisher nicht in den Klassifikationssystemen ICD-10 oder DSM-V verankert. Aktuell erfolgt die Kodierung meist unter ICD-10 F88 (Andere Entwicklungsstörungen). In den letzten Jahren hat sich der Begriff Cerebral Visual Impairment (CVI) etabliert, um zerebral bedingte Sehstörungen, die die visuelle Verarbeitung beeinträchtigen, von rein peripher verursachten Sehstörungen abzugrenzen.
Klassifikation visueller Störungen
Visuelle Wahrnehmungsstörungen lassen sich in elementare und komplexe Sehfunktionen sowie weitere Verarbeitungsstörungen unterteilen:
| Bereich | Funktion | Mögliche Störung |
|---|---|---|
| Elementare Sehfunktionen | Gesichtsfeld | Hemianopsie, Skotome |
| Sehschärfe / Kontrast | Reduzierter Visus, Kontrastverlust | |
| Blickbewegungen | Visuelle Explorationsstörung | |
| Komplexe Sehfunktionen | Objekte / Gesichter | Agnosie, Prosopagnosie |
| Räumliche Beziehungen | Räumlich-perzeptive Störung | |
| Visuelle Aufmerksamkeit | Neglect | |
| Weitere Verarbeitung | Räumliche Konstruktion | Räumlich-konstruktive Störung |
Ätiologie und assoziierte Syndrome
Zentral-visuelle Wahrnehmungsstörungen finden sich nach erworbenen Schädigungen (z.B. Schädel-Hirn-Trauma, Tumore), prä-/perinatalen Schädigungen (Frühgeburt, periventrikuläre Leukomalazie, Hypoxie) sowie bei genetischen Syndromen. Bei diesen Syndromen ist die visuelle Wahrnehmung explizit diagnostisch zu erfassen:
| Syndrom | Häufige periphere Störungen | Häufige zentrale Wahrnehmungsstörungen |
|---|---|---|
| Down-Syndrom | Strabismus, Nystagmus, Katarakt | Visuelle Aufmerksamkeit |
| Turner-Syndrom | Strabismus, Amblyopie, Rot-Grün-Schwäche | Visuelle Raumwahrnehmung, Gesichterdiskrimination |
| Williams-Beuren-Syndrom | Hyperopie, Strabismus | Visuo-räumliche Wahrnehmung |
| Neurofibromatose Typ 1 | Optikus-Gliom, Lisch-Knötchen | Visuo-räumliche Wahrnehmung, visuelles Gedächtnis |
Auch bei Entwicklungsstörungen wie Autismus-Spektrum-Störungen, ADHS oder Lese-Rechtschreib-Störungen (LRS) sollte der Status der Sehfunktionen immer erfasst und im Verlauf dokumentiert werden.
Diagnostik
Die Diagnostik muss interdisziplinär erfolgen und umfasst drei Säulen:
- Ophthalmologische Basisdiagnostik: Zwingende Überprüfung von Sehschärfe, Augenstellung (Schielen) und Binokularfunktionen. Die objektive Refraktionsbestimmung muss in Zykloplegie erfolgen (z.B. mit Cyclopentolat).
- Neurologische Diagnostik: Erfassung der Anamnese (prä-/peri-/postnatale Schädigungen), klinisch-neurologischer Status, ggf. VEP, EEG oder MRT zur Läsionssuche.
- Neuropsychologische Diagnostik: Hypothesengeleitete Testung. Zunächst orientierende Verfahren (Screening), dann spezifische Tests für Objekt-, Gesichts- oder Raumwahrnehmung.
Therapie und Förderung
Die Therapieindikation leitet sich nicht allein aus testpsychologischen Ergebnissen ab, sondern aus alltagsrelevanten Problemen und dem Leidensdruck des Kindes.
Ophthalmologische Therapie
Die Behandlung von Schielen und Amblyopie ist fundamental für die normale Entwicklung der visuellen Wahrnehmung.
- Refraktionsausgleich: Vollkorrektur bei hohen Werten (z.B. Hyperopie >+4 dpt im 1. Lebensjahr).
- Okklusionstherapie: Abkleben des besseren Auges zur Förderung des amblyopen Auges. Je früher in der sensitiven Phase behandelt wird, desto effektiver kann die Sehschärfe angehoben werden.
Neuropsychologische und Ergotherapeutische Therapie
- Zielsetzung: Verminderung von Alltagsbeeinträchtigungen. Ziele müssen nach der SMART-Regel formuliert werden und einen Bezug zum Alltag haben.
- Setting: Empfohlen wird eine Therapie im Einzelsetting.
- Strategie: Bei elementaren Störungen steht oft die Kompensation und Umfeldanpassung im Vordergrund. Bei komplexen Störungen hat sich der Einsatz metakognitiver Strategien bewährt. Eine regelmäßige Evaluation der Therapieeffekte nach 6-12 Monaten ist erforderlich.
💡Praxis-Tipp
Bestimmen Sie die objektive Refraktion bei Kindern zwingend in Zykloplegie (z.B. mit Cyclopentolat), da das starke Akkommodationsvermögen sonst zu falschen Werten führt. Eine Sehschärfenprüfung mit Kinderbildern oder Sehtestgeräten ist obsolet.