Sichelzellkrankheit: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Alle Neugeborenen in Deutschland sollten auf Sichelzellkrankheit gescreent werden, um frühzeitig präventive Maßnahmen einzuleiten.
  • Bei allen Kindern ab 2 Jahren sollte eine Therapie mit Hydroxycarbamid erwogen werden.
  • Zur primären Schlaganfallprophylaxe wird eine jährliche transkranielle Dopplersonografie (TCDS) für alle Patienten von 0-18 Jahren empfohlen.
  • Fieber ist ein Notfall und erfordert eine sofortige empirische intravenöse Antibiose (z.B. Cefotaxim).
  • Akute Schmerzkrisen müssen zügig mit intravenösem Morphin (Titration) und ausreichender Hydratation behandelt werden.
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Hintergrund

Die Sichelzellkrankheit (SCD) umfasst Erkrankungen, bei denen der Anteil an Hämoglobin S (HbS) über 50 % liegt. Ursache ist eine Aminosäuresubstitution (Glutaminsäure durch Valin) an Position 6 der β-Globin-Kette. Dies führt unter hypoxischen Bedingungen zu einer verminderten Löslichkeit des Hämoglobins, Erythrozytenverformung, verkürzter Überlebenszeit und rezidivierenden Gefäßverschlüssen. Die Symptome manifestieren sich meist erst ab dem 3. bis 4. Lebensmonat nach dem Umschalten von der fetalen zur adulten Globin-Synthese.

Neugeborenenscreening

Da die Erstmanifestation lebensbedrohlich sein kann, ist ein Neugeborenenscreening (NBS) essenziell. Es erfolgt aus der Trockenblutkarte (36.-72. Lebensstunde).

HämoglobinmusterBedeutung
FAGesundes Neugeborenes (HbF überwiegt, HbA vorhanden)
FSKlassische HbS-Homozygotie (SCD-S/S) oder SCD-S/β0-Thalassämie
FSCCompound-Heterozygotie (SCD-S/C)
FASHbS-Trägerstatus (kein Krankheitswert)

Bei einem positiven Befund müssen bis zum 90. Lebenstag präventive Maßnahmen eingeleitet sein: Penicillinprophylaxe, Impfungen und Elternschulung.

Infektionsprophylaxe und Impfungen

Aufgrund der funktionellen Asplenie besteht ein hohes Risiko für invasive Infektionen durch bekapselte Erreger (v.a. Pneumokokken und Haemophilus influenzae b).

  • Penicillinprophylaxe: Ab dem 3. Lebensmonat bis mindestens zum Ende des 5. Lebensjahres.
    • < 3 Jahre: 2 x 200.000 IE (125 mg) pro Tag
    • 3-5 Jahre: 2 x 400.000 IE (250 mg) pro Tag
  • Impfungen: Pneumokokken (PCV13 und ab 2 Jahren zusätzlich PPSV23), Haemophilus influenzae b, Meningokokken B sowie eine jährliche Influenza-Impfung (ab 6 Monaten).

Routinediagnostik

Patienten sollten mindestens einmal jährlich in einem spezialisierten Zentrum vorgestellt werden.

UntersuchungHäufigkeitFragestellung
Transkranielle Dopplersonografie (TCDS)1x/Jahr (2.-18. Lebensjahr)Schlaganfallrisiko (Flussgeschwindigkeit)
Sono Abdomen/HarntraktAlle 2 Jahre (ab 3. Lebensjahr)Cholelithiasis, Milzgröße, Nierenveränderungen
Augenarzt1x/Jahr (ab 10. Lj., bei SCD-S/C ab 6. Lj.)Proliferative Retinopathie
EKG und EchokardiografieAlle 2 Jahre (ab 10. Lebensjahr)Pulmonaler Hypertonus, Herzinsuffizienz

Akute Komplikationen

Fieber

Fieber ist ein Notfall! Bei Fieber ohne Fokus muss bis zum Beweis des Gegenteils von einer bakteriellen Infektion ausgegangen werden.

  • Therapie: Empirische intravenöse Antibiose (z.B. Cefotaxim i.v. 100 mg/kg/d in 3 Einzeldosen), die Pneumokokken, Hib und Salmonellen abdeckt.
  • Bei respiratorischer Symptomatik sollte die Therapie durch ein Makrolid ergänzt werden.
  • Ceftriaxon sollte wegen des Risikos schwerer antikörpervermittelter Hämolysen nur nach sorgfältiger Abwägung eingesetzt werden.

Akute Anämie

Ein Abfall des Hämoglobins um > 1 g/dl erfordert umgehende Diagnostik:

DiagnoseCharakteristikumTherapie
Aplastische KriseNiedrige Retikulozyten, Parvovirus B19Transfusion bei symptomatischer Anämie
MilzsequestrationZunehmende Milzgröße, hohe Retikulozyten, ThrombozytenabfallVorsichtige Transfusion
Verzögerte hämolytische TransfusionsreaktionTage nach Transfusion, Ikterus, oft Schmerzen/FieberTransfusionen meiden, ggf. Prednisolon/IVIG

Schmerztherapie

Schmerzkrisen (vasookklusive Krisen) sind die häufigste Komplikation und der häufigste Grund für Krankenhausaufnahmen.

  • Akuttherapie im Krankenhaus: Zügige i.v.-Analgesie mit Morphin.
    • Bolus: 0,025-0,05 mg/kgKG (Titration bis Schmerzfreiheit, meist ca. 0,1-0,15 mg/kgKG erforderlich).
    • Dauerinfusion: 0,03-0,05 mg/kgKG/h oder PCA (Patienten-kontrollierte Analgesie).
  • Supportiv: Flüssigkeitszufuhr (1,5-2 l/m² KOF), Laxans, Atemtraining (z.B. Triflow®) zur Prävention eines akuten Thoraxsyndroms, kontinuierliches O2-Monitoring.

Zerebrovaskuläre Komplikationen

Ischämische Infarkte dominieren im Kindesalter. Die TCDS dient der Risikoabschätzung bei SCD-S/S und SCD-S/β0-Thalassämie.

TCDS-Befund (TAMMX)Bewertung
< 170 cm/sNormal
170 - 199 cm/sKonditional (Grenzwertig)
≥ 200 cm/sAbnormal (Hohes Risiko)

Therapie bei pathologischem TCDS oder stattgehabtem Infarkt: Lebenslange, regelmäßige Transfusionsbehandlung mit dem Ziel, den HbS-Anteil auf < 30 % zu senken.

Langfristige Therapiekonzepte

  • Hydroxycarbamid (HC): Senkt die hämolytische Aktivität, hebt das Hb an und reduziert Schmerzkrisen. Indiziert bei rezidivierenden Schmerzkrisen und zu erwägen bei allen Kindern ab 2 Jahren.
  • Stammzelltransplantation (HSZT): Wichtige kurative Option, sollte mit allen Betroffenen unter Beachtung der Spenderauswahl besprochen werden.

💡Praxis-Tipp

Tasten Sie bei Kleinkindern mit Sichelzellkrankheit regelmäßig die Milz und schulen Sie die Eltern darin (z.B. mit einem markierten Zungenspatel). Eine rasche Milzvergrößerung ist das wichtigste Warnzeichen für eine lebensbedrohliche Milzsequestrationskrise.

Häufig gestellte Fragen

Indikationen sind akute symptomatische Anämien (z.B. aplastische Krise, Milzsequestration), akutes Thoraxsyndrom, ZNS-Infarkte sowie die primäre und sekundäre Schlaganfallprophylaxe. Eine asymptomatische chronische Anämie ist keine Indikation.
Mit intravenösem Morphin (Titration bis zur Schmerzfreiheit), ausreichender Hydratation (1,5-2 l/m2) und Atemtraining zur Vermeidung eines akuten Thoraxsyndroms.
Bei Fieber ohne Fokus sollte sofort empirisch mit Cefotaxim i.v. behandelt werden, um bekapselte Erreger (Pneumokokken, Hib) und Salmonellen abzudecken. Ceftriaxon sollte wegen des Risikos schwerer Hämolysen vermieden werden.
Sie sollte bis zum 90. Lebenstag (meist ab dem 3. Lebensmonat) begonnen und mindestens bis zum Ende des 5. Lebensjahres fortgeführt werden.
Ein TAMMX-Wert ≥ 200 cm/s in der transkraniellen Dopplersonografie zeigt ein hohes Schlaganfallrisiko an und ist eine Indikation für ein chronisches Transfusionsprogramm (Ziel-HbS < 30 %).

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