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Antiresorptiva-assoziierte Kiefernekrose (AR-ONJ): AWMF

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Eine AR-ONJ ist definiert als >8 Wochen freiliegender Kieferknochen unter Antiresorptiva-Therapie ohne stattgehabte Kopf-Hals-Radiatio.
  • Das Risiko variiert stark nach Indikation: Niedrig bei Osteoporose (0-0,5%), hoch bei onkologischen Patienten (1-21%).
  • Vor Therapiebeginn soll eine zahnärztliche Fokussanierung erfolgen, ohne jedoch eine Osteoporosetherapie unnötig zu verzögern.
  • Zahnärztlich-chirurgische Eingriffe unter Therapie erfordern strenge Kautelen wie systemische Antibiose und primär plastische Deckung.
  • Die operative Therapie (Nekroseabtragung mit plastischer Deckung) zeigt signifikant höhere Heilungsraten als rein konservative Ansätze.
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Hintergrund

Die Antiresorptiva-assoziierte Kiefernekrose (AR-ONJ) ist eine potenziell schwerwiegende Erkrankung unter Therapie mit Bisphosphonaten oder Denosumab, die zu erheblichen funktionellen Beeinträchtigungen führt. Eine AR-ONJ liegt vor, wenn folgende klinische Trias erfüllt ist:

  • > 8 Wochen freiliegender oder sondierbarer Kieferknochen
  • Antiresorptiva in der Anamnese
  • Keine Kopf-Hals-Radiatio in der Anamnese

Stadieneinteilung nach AAOMS

StadiumKlinikSymptome / Infektion
0Kein exponierter Knochen, unspezifische Symptome oder radiologische HinweiseNein
1Exponierter oder sondierbarer nekrotischer KnochenAsymptomatisch, keine Infektion
2Exponierter oder sondierbarer nekrotischer KnochenSymptomatisch (Schmerz, Rötung), Anzeichen einer Infektion
3Wie Stadium 2 plus Komplikationen (Fraktur, Fistel, Ausbreitung auf Kieferhöhle/Jochbein)Symptomatisch, Infektion

Risikoprofile

Die Ereignisraten hängen stark von der Indikation, der Dosierung und Begleiterkrankungen ab:

RisikoIndikationMedikationPrävalenz
NiedrigPrimäre OsteoporoseOrale/i.v. Bisphosphonate, Denosumab (60 mg s.c. alle 6 Monate)0,0 - 0,5 %
MittelOsteoporose + Risikofaktoren (Immunmodulatoren, Diabetes, Anämie)i.v. Bisphosphonate (z.B. Zoledronat 1x/Jahr)bis 1 %
HochOnkologie (Knochenmetastasen, Multiples Myelom)i.v. Bisphosphonate (4-wöchentlich), Denosumab (120 mg s.c. alle 4 Wochen)1 - 21 %

Prophylaxe vor AR-Therapie

Vor Beginn einer antiresorptiven Therapie soll eine zahnärztliche Vorstellung erfolgen, um Infektionen und Bakterieneintrittspforten zu sanieren:

  • Entfernung nicht erhaltungswürdiger Zähne
  • Sanierung von Schlupfwinkelinfektionen (Parodontitis, apikale Ostitis)
  • Anpassung von Prothesen zur Vermeidung von Druckstellen

Wichtig: Der Beginn einer Osteoporosetherapie soll durch die zahnärztliche Prophylaxe nicht hinausgezögert werden. Bei Denosumab ist aufgrund des raschen Wirkungseintritts ein Abschluss der Maßnahmen vor Therapiebeginn anzustreben.

Prävention unter AR-Therapie

Operative Kiefereingriffe (z.B. Zahnextraktionen) unter laufender Therapie erfordern zwingend strenge Kautelen:

  • Prolongierte systemische Antibiose (perioperativ bis zum Abklingen der Keimbelastung)
  • Atraumatische Operation
  • Sorgfältige Abtragung scharfer Knochenkanten (modellierende Osteotomie)
  • Primär plastische Deckung (spannungsfreie Naht, Mukoperiostlappen)
  • Engmaschiges Recall (risikoadaptiert alle 3, 6 oder 12 Monate)

Diagnostik

Die Diagnose wird primär klinisch durch Inspektion der Mundhöhle gestellt.

  • Bildgebung: OPG, DVT oder CT dienen der Ausdehnungsbestimmung und Therapieplanung, haben aber für das Screening eine nachgeordnete Bedeutung.
  • Labor: Die Bestimmung von Knochenmarkern (z.B. CTX) zur Risikoevaluation oder Früherkennung wird nicht empfohlen.

Therapie der manifesten AR-ONJ

Ein ausschließliches Zuwarten soll wegen des Risikos einer asymptomatischen Progredienz vermieden werden.

TherapieansatzIndikationBemerkung
KonservativKleine, asymptomatische Läsionen (insb. Stadium 0)Führt selten zur vollständigen Abheilung, lindert aber Symptome.
ChirurgischFortgeschrittene und/oder multiple LäsionenSoll unter Antibiose erfolgen. Vollständige Nekroseabtragung und plastische Deckung zeigen hohe Abheilungsraten (>85 %).

Für eine Therapieunterbrechung (Drug Holiday) der Antiresorptiva gibt es keine eindeutige Empfehlung. Ob eine Pausierung möglich ist, sollte stets interdisziplinär mit dem Verordner abgestimmt werden.

💡Praxis-Tipp

Führen Sie vor Beginn einer antiresorptiven Therapie (insbesondere bei onkologischer Indikation) immer eine zahnärztliche Fokussuche durch. Verzichten Sie auf die Bestimmung von CTX-Werten zur Risikoeinschätzung, da diese laut Leitlinie keine ausreichende Evidenz bieten.

Häufig gestellte Fragen

Als Trias aus mehr als 8 Wochen freiliegendem oder sondierbarem Kieferknochen, einer Antiresorptiva-Therapie in der Anamnese und fehlender Kopf-Hals-Radiatio.
Die Leitlinie gibt keine eindeutige Empfehlung für oder gegen eine Therapieunterbrechung (Drug Holiday). Eine Pausierung muss immer individuell und interdisziplinär mit dem behandelnden Onkologen oder Osteologen abgestimmt werden.
Nein, die Leitlinie empfiehlt die CTX-Bestimmung zur AR-ONJ-Risikoevaluation ausdrücklich nicht, da sie keine ausreichende Vorhersagekraft besitzt.
Zwingend erforderlich sind eine prolongierte systemische Antibiose, eine atraumatische Operation, die Glättung scharfer Knochenkanten sowie eine primär plastische Deckung (speicheldichter Wundverschluss).
Die operative Therapie (vollständige Entfernung des nekrotischen Knochens mit plastischer Deckung) zeigt signifikant höhere Abheilungsraten (>85 %) als konservative Ansätze und wird bei fortgeschrittenen Läsionen empfohlen.

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