Lebertransplantation & Leberversagen: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Patienten mit akutem Leberversagen (ALV) oder Leberzirrhose mit MELD-Score ≥ 15 sollen umgehend an einem Transplantationszentrum vorgestellt werden.
  • Bei Paracetamol-induziertem ALV gelten die King's-College-Kriterien, bei Nicht-Paracetamol-ALV der MELD-Score zur Prognoseabschätzung.
  • Eine N-Acetylcystein-Therapie (NAC) wird auch bei Nicht-Paracetamol-induziertem ALV empfohlen, solange die hepatische Enzephalopathie ≤ Grad II ist.
  • Ein akut-auf-chronisches Leberversagen (ACLF) Grad 3 stellt keine generelle Kontraindikation für eine Lebertransplantation dar.
  • Bei schwerer alkoholischer Steatohepatitis kann in begründeten Einzelfällen auch ohne 6-monatige Abstinenzperiode eine Transplantation indiziert sein.
Frage zu dieser Leitlinie stellen...

Hintergrund

Das akute Leberversagen (ALV) ist definiert als Syndrom mit erhöhten Leberschädigungsparametern (AST, ALT), eingeschränkter Leberfunktion (Ikterus, INR > 1,5) und hepatischer Enzephalopathie (HE) ohne vorbestehende Lebererkrankung. Das akut-auf-chronische Leberversagen (ACLF) entsteht hingegen auf dem Boden einer chronischen Lebererkrankung oder Zirrhose und ist durch akute Dekompensation und Organversagen gekennzeichnet.

Diagnostik beim akuten Leberversagen

Eine umfassende Diagnostik zur Klärung der Ätiologie ist essenziell. Eine chronische Lebererkrankung soll zur Abgrenzung eines ACLF ausgeschlossen werden.

KategorieObligate DiagnostikFakultative Diagnostik
BlutuntersuchungenBGA, Diff-BB, Elektrolyte, BZ, INR, Quick, PTT, Fibrinogen, GOT/AST, GPT/ALT, AP, GGT, LDH, Bilirubin, Ammoniak, Laktat, Gesamteiweiß, Albumin, KreatininThrombelastographie, GLDH, Lipase, Cystatin C, Paracetamolspiegel, Autoantikörper (AMA, ANA etc.)
UrinuntersuchungenUrinstatusToxikologisches Screening, Urin-Kupfer
VirologieHAV, HBV, HCV, HEV, EBV, CMV, HSV, VZVHDV, Adenoviren, HIV
Apparative DiagnostikEKG, Abdomensonographie (Farbduplex), Röntgen/CT-ThoraxGastroskopie/Koloskopie, EEG, Leberbiopsie, cCT (ab HE Grad III), Echokardiographie

Spezifische Therapie des ALV

Wenn die Ursache bekannt ist, soll eine ursächliche Therapie erfolgen (Starke Empfehlung).

UrsacheTherapieDosierung / Bemerkung
ParacetamolN-Acetylcystein (NAC)150 mg/kg KG über 1h, dann 12,5 mg/kg/h über 4h, dann 6,25 mg/kg/h über 67h
KnollenblätterpilzSilibinin20–50 mg/kg KG/Tag (ggf. Albumindialyse)
Akute Hepatitis BEntecavir oder TenofovirEntecavir 0,5–1 mg/Tag, TDF 245 mg/Tag, TAF 25 mg/Tag
AutoimmunhepatitisPrednisolon1–2 mg i.v./kg KG/Tag
Herpes-simplexAciclovir3x 10 mg/kg KG/Tag i.v.
Unklare UrsacheN-Acetylcystein (NAC)Dosierung wie bei Paracetamol

Unabhängig von der Genese soll eine Therapie mit i.v. NAC erfolgen, solange noch keine HE ≥ III vorliegt (Ausnahme: Paracetamolintoxikation).

Intensivmedizinisches Management

  • Atemwege: Bei GCS < 9 soll eine Intubation und Analgosedierung erfolgen.
  • Hirndruck: Bei drohendem Hirnödem soll auf Normovolämie, Normokapnie, Normoglykämie und Normothermie geachtet werden.
  • Gerinnung: Eine generelle Substitution soll nicht ohne Blutungszeichen durchgeführt werden.
  • Infektionen: Keine generelle prophylaktische Antibiose/Antimykotika. Bei Infektionszeichen großzügig empirisch therapieren.
  • Ernährung: Auf ausreichende (vorzugsweise enterale) Kalorienzufuhr achten.

Indikation zur Lebertransplantation

Die Indikation soll anhand der Dynamik des Krankheitsbildes und unter Zuhilfenahme von Prognosescores gestellt werden.

ScoreIndikationKriterien für schlechte Prognose / Listung
King's-CollegeParacetamol-IntoxikationArterieller pH < 7,25 ODER 2 von 3: INR > 6,5, Kreatinin > 300 μmol/L, HE Grad 3-4
King's-CollegeAndere UrsachenINR > 6,5 ODER 3 von 5: Alter <10 oder >40, unklare/toxische Ätiologie, Ikterus bis HE > 7 Tage, INR > 3,5, Bilirubin > 300 μmol/L
Clichy-KriterienHBVHE Grad III/IV UND Faktor V < 20% (Alter < 30) oder < 30% (Alter > 30)
MELD-ScoreNicht-Paracetamol-ALVHöhere Sensitivität bei guter Spezifität als King's-College

Besonderheiten bei Leberzirrhose und MELD < 15

Patienten mit Leberzirrhose sollen spätestens bei einem MELD-Score ≥ 15 in einem Transplantationszentrum vorgestellt werden. Auch bei einem MELD < 15 sollte die Indikation geprüft werden bei:

  • Refraktärem oder rezidivierendem Aszites
  • Hepatischer Enzephalopathie
  • Hyponatriämie (< 135 mmol/l)
  • Sarkopenie

Akut-auf-chronisches Leberversagen (ACLF)

  • ACLF Grad 1 und 2: Patienten sollten nach Ausschluss von Kontraindikationen gelistet werden.
  • ACLF Grad 3: Keine generelle Kontraindikation. Tägliche Re-Evaluation soll erfolgen. Bei >3 Organversagen (Grad 3b) oder CLIF-C ACLF-Score ≥ 64 erst bei Rückgang der Organversagen listen.
  • ARDS / Laktat ≥ 5 mmol/l: Erhöhte postoperative Letalität, Transplantation nur in Einzelfällen.

Alkoholische Steatohepatitis

Bei schädlichem Alkoholkonsum sollte eine psychosoziale Evaluation an den Anfang gestellt werden. In der Regel wird geprüft, ob sich die Erkrankung durch Abstinenz stabilisiert. Bei sehr hohem Letalitätsrisiko kann in begründeten Einzelfällen eine Transplantation auch ohne Abstinenzperiode indiziert sein.

💡Praxis-Tipp

Nehmen Sie bei Patienten mit schwerer akuter Leberschädigung frühzeitig Kontakt mit einem Transplantationszentrum auf, noch bevor eine hepatische Enzephalopathie eintritt. Verzichten Sie auf eine prophylaktische Gerinnungssubstitution ohne Blutungszeichen.

Häufig gestellte Fragen

Spätestens bei einem MELD-Score ≥ 15 oder beim Auftreten von Zirrhose-Komplikationen wie refraktärem Aszites oder hepatischer Enzephalopathie, auch wenn der MELD-Score noch < 15 ist.
Nein, ein ACLF Grad 3 ist keine generelle Kontraindikation. Die Patienten sollten täglich re-evaluiert werden. Bei mehr als 3 Organversagen sollte jedoch erst bei Besserung gelistet werden.
Bei Paracetamol-induziertem ALV sollten die King's-College-Kriterien angewendet werden, bei anderen Ursachen (NP-ALV) der MELD-Score.
In der Regel wird eine Abstinenzperiode gefordert. Bei schwerer, therapierefraktärer alkoholischer Steatohepatitis mit hohem Letalitätsrisiko kann in begründeten Einzelfällen jedoch davon abgewichen werden.

Verwandte Leitlinien