Rotes Bein: Leitlinie Differentialdiagnose (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Diagnose Erysipel am Bein ist in bis zu 31 % der Fälle eine Fehldiagnose, was häufig zu unnötigen Antibiotikatherapien führt.
  • Fieber, Frösteln und Unwohlsein vor oder mit dem Erythem sind starke klinische Hinweise auf ein echtes Erysipel.
  • Zur Abgrenzung zwischen Erysipel und begrenzter Phlegmone eignen sich CRP (Cut-off ≥ 3,27 mg/dl) und die Leukozytenzahl.
  • Häufige tatsächliche Ursachen für ein rotes Bein sind Ekzeme, Stauungsdermatitis und Lymphödeme.
  • Bei Gichtverdacht kann eine probatorische Therapie mit Colchizin die Diagnose klinisch bestätigen.
Frage zu dieser Leitlinie stellen...

Hintergrund

Die Differentialdiagnose einer Rötung am Unterschenkel (das "rote Bein") stellt klinisch oft eine Herausforderung dar. Häufig wird vorschnell die Diagnose "Erysipel" gestellt. Daten zeigen, dass bei bis zu 31 % der Patientinnen und Patienten in der Notaufnahme eine Fehldiagnose erfolgt. Dies führt in 92 % der fehldiagnostizierten Fälle zu einer unnötigen Antibiotikatherapie und in 85 % zu vermeidbaren Krankenhauseinweisungen. Häufige tatsächliche Diagnosen sind Ekzeme, Lymphödeme und die Stauungsdermatitis.

Erysipel und bakterielle Infektionen

Ein initiales, mit oder vor dem Erythem aufgetretenes Fieber, Frösteln und Unwohlsein ist fast immer ein Zeichen für ein Erysipel und sollte gezielt erfragt werden. Zur Differenzierung zwischen Erysipel und begrenzter Phlegmone haben sich das CRP und die Leukozytenzahl bewährt (ein CRP-Wert ≥ 3,27 mg/dl spricht mit 75 % Sensitivität und 73,2 % Spezifität für ein Erysipel).

DiagnoseKlinisches BildBegleitsymptome
Klassisches ErysipelHellrot "flammende", glänzende Oberfläche, scharf begrenztFieber, Frösteln, Unwohlsein
Kompliziertes ErysipelBullös, hämorrhagisch und/oder nekrotischWie klassisches Erysipel
PhlegmoneDunkle/livide Farbe, matte Oberfläche, unscharfe Begrenzung, schmerzhaftes teigiges Ödem um WundeHohes Fieber, schlechter AZ, Lymphknotenschwellung (können initial fehlen)
Nekrotisierende Fasziitis (Typ 2)Unscharf begrenzt, ÖdemVernichtungsschmerz (hohe Letalität!)

Stauungsdermatitis und Beinvenenthrombose

Bei Verdacht auf venöse Ursachen steht die apparative Diagnostik im Vordergrund:

  • Hochauflösende B-Bild Sonographie (ab 12 MHz): Nachweis von Veränderungen umgebender Strukturen (z.B. Ödem).
  • Duplexsonographie: Darstellung veränderter Strömungsverhältnisse und zugrundeliegender Pathologien (Reflux, Verschluss tiefer Beinvenen).
  • Digitale Photophlethysmographie (DPPG): Optische Messung der Wiederauffüllzeit der Venen für eine erweiterte Venendiagnostik.
  • Angio-CT / Angio-MRT: Bei Bedarf zum Thrombosenachweis.

Gicht

Bei Verdacht auf einen akuten Gichtanfall kann die Gelenksonographie (Sensitivität 83 %, Spezifität 76 %) helfen. Zudem kann eine probatorische Therapie die Diagnose sichern:

StufeTherapie (Colchizin)Bemerkung
Initial (im Anfall)1,5 mg
Nach 1 Stunde1,0 mg
Erhaltung1,0 mg / Tag über 4 TageBesserung bestätigt die Verdachtsdiagnose

Kontaktekzeme

Bei der Beurteilung von Ekzemen am Unterschenkel sind folgende Aspekte zu beachten:

  • Bei Erythemen mit randbetonter Schuppung muss differentialdiagnostisch an eine Tinea gedacht werden.
  • Verändern sich Ekzemveränderungen unter Glukokortikoidanwendung nicht wie erwartet, sollte eine Typ-IV-Allergie auf Glukokortikoide in Betracht gezogen werden.
  • Die Anamnese bezüglich bekannter Typ-IV-Allergien (Allergiepass) ist obligat.

💡Praxis-Tipp

Fragen Sie bei einem roten Bein immer gezielt nach initialem Fieber oder Frösteln. Fehlen diese Allgemeinsymptome, hinterfragen Sie die Diagnose Erysipel kritisch, um unnötige Antibiotikagaben zu vermeiden.

Häufig gestellte Fragen

Ein klassisches Erysipel ist hellrot, glänzend und scharf begrenzt. Eine Phlegmone imponiert eher dunkel/livid, matt, unscharf begrenzt und zeigt oft ein teigiges Ödem um eine Wunde.
Das CRP hilft bei der Differenzierung zur begrenzten Phlegmone. Ein Wert von ≥ 3,27 mg/dl spricht mit 75 % Sensitivität und 73,2 % Spezifität für ein Erysipel.
Durch eine probatorische Gabe von Colchizin (1,5 mg initial, 1 mg nach einer Stunde, dann 1 mg/Tag für 4 Tage). Tritt unter diesem Therapieschema eine Besserung ein, bestätigt dies die Verdachtsdiagnose.
Bei randbetonter Schuppung sollte differentialdiagnostisch immer an eine Tinea (Pilzinfektion) gedacht werden.

Verwandte Leitlinien