Ketogene Ernährungstherapien bei Epilepsie: AWMF-Leitlinie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • KET sind Therapie der Wahl bei Glut1-Defekt und Pyruvatdehydrogenase-Mangel sowie etabliert bei pharmakoresistenter Epilepsie.
  • Zu den KET zählen die klassische ketogene Diät (kKD), die modifizierte Atkins-Diät (MAD) und die Niedrig-glykämische Index-Therapie (LGIT).
  • Absolute Kontraindikationen sind unter anderem Störungen der Fettsäureoxidation, der Glukoneogenese und der Ketonkörperbildung.
  • Eine kohlenhydratfreie Supplementierung von Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen ist bei allen KET zwingend erforderlich.
  • Die Kombination mit Carboanhydrasehemmern (z.B. Topiramat) birgt ein hohes Risiko für eine schwere metabolische Azidose.
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Hintergrund

Ketogene Ernährungstherapien (KET) sind fettreiche, kohlenhydratarme Diäten, die den metabolischen Zustand des Fastens imitieren. Die aus dem Fettabbau entstehende Ketose dient dem Gehirn als alternative Energiequelle. KET heben das zerebrale Energieniveau an, setzen inhibitorische Neurotransmitter (GABA) frei und reduzieren oxidativen Stress, was zu einer Stabilisierung der synaptischen Funktion und einer Senkung der zerebralen Krampfbereitschaft führt.

Indikationen

KET werden in zwei Hauptbereiche unterteilt:

  • Pharmakoresistente / schwer behandelbare Epilepsien: Weltweit etablierte Therapieoption im Kindes- und Jugendalter. Besonders hohe Anfallskontrolle (>70%) bei spezifischen Syndromen wie Dravet-Syndrom, Doose-Syndrom, West-Syndrom und super-refraktärem Status epilepticus.
  • Spezifische Stoffwechselstörungen: KET sind die Therapie der Wahl bei Glukosetransporter Typ 1 (Glut1)-Defekt und Pyruvatdehydrogenase-(PDH)-Mangel.

Kontraindikationen

Vor Einleitung einer KET müssen Stoffwechseldefekte zwingend ausgeschlossen werden.

KontraindikationMechanismusEmpfohlene Diagnostik
Störungen der FettsäureoxidationUnzureichende KetonkörperbildungAcylcarnitinprofil, organische Säuren, Ketonkörper
KetoneogenesedefekteGestörter Aufbau/Abbau von KetonkörpernAcylcarnitinprofil, Ketone
Gluconeogenesedefekte / GlykogenosenLebensbedrohliche Hypoglykämien bei KH-ReduktionLaktat, Ketone, Organische Säuren, Glukose, BGA
Pyruvatcarboxylase-MangelUmwandlung von Pyruvat zu Oxaloacetat gestörtMetabolische Azidose, Aminosäuren, Ammoniak
CarnitinstoffwechselstörungenGestörter Transport langkettiger FettsäurenAcylcarnitinprofil

Relative Kontraindikationen umfassen unter anderem Nierensteine, Lebererkrankungen, Kardiomyopathien und die Therapie mit Carboanhydrase-Hemmern.

Formen der Ketogenen Ernährungstherapien

DiätformPrinzipBemerkung
Klassische ketogene Diät (kKD)Festes Verhältnis von Fett zu Nicht-Fett (meist 3:1 oder 4:1). Fettanteil 82-90%.Höchste Ketose, erfordert genaues Abwiegen aller Zutaten. Stationäre Einleitung empfohlen.
Modifizierte Atkins-Diät (MAD)KH-Restriktion (10-20 g/Tag), Fettanteil 60-65%. Protein unlimitiert.Leichtere Berechnung, ambulante Einleitung möglich. Bessere Akzeptanz bei Jugendlichen/Erwachsenen.
Niedrig-glykämische Index-Therapie (LGIT)Komplexe KH (40-60 g/Tag) mit glykämischem Index <50. Fettanteil ca. 60%.Fokus auf konstanten Blutzuckerspiegel.

Wichtig: Bei allen KET-Formen ist die Gabe von kohlenhydratfreien Supplementen (Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, insb. Kalzium) zwingend erforderlich, um Mangelzustände zu vermeiden.

Diagnostik und Zielparameter

Die Einleitung erfolgt schrittweise ohne vorausgehende Nüchternphase (Ausnahme: Intensivtherapie). Ziel sind stabile Werte bei einer kompensierten metabolischen Azidose.

ParameterZielwert unter KET (kKD)
Blutzucker60 bis 80 mg/dl (3.0 bis 4.5 mmol/l)
3-Hydroxy-Butyrat (3OHB)2 – 5 mmol/l (Blutketone)
pH-Wert7,35 – 7,45
Base Excess (BE)-5 bis -10
pCO2ca. 35 mmHg (4.5 kPa)

Medikamentöse Interaktionen

Antikonvulsiva werden bei Einleitung unverändert belassen und frühestens nach drei Monaten bei Erfolg reduziert.

WirkstoffInteraktion mit KETMögliche Folgen
Carboanhydrase-Hemmer (Topiramat, Sultiam, Zonisamid, Azetazolamid)Verstärken die metabolische AzidoseKlinisch relevant! Engmaschiges BGA-Monitoring nötig. Ggf. Bicarbonat-Gabe.
ValproinsäureHemmt die ß-Oxidation von FettsäurenUnzureichende Ketose, Hepatopathie, sekundärer Carnitinmangel.
PhenobarbitalVermehrte Freisetzung durch FettabbauErhöhte Wirkspiegel.
LamotriginReduziert die Effektivität von KETUnzureichende Anfallskontrolle.

Beendigung der Therapie

  • Bei Therapieversagen: Zeigt sich nach drei Monaten kein Erfolg, kann die KET zügig (über wenige Tage) beendet werden.
  • Bei Therapieerfolg: Nach zwei Jahren Anfallsfreiheit kann die KET langsam ausgeschlichen werden (z.B. wöchentliche Reduktion des Quotienten bei kKD).
  • Bei Stoffwechselstörungen: Bei Glut1-Defekt und PDH-Mangel ist die KET mangels Alternativen meist lebenslang erforderlich.

💡Praxis-Tipp

Achten Sie bei der Verordnung von Medikamenten (z.B. Hustensäfte, Antibiotika-Säfte) zwingend auf kohlenhydratfreie Präparate, da bereits kleine Mengen 'versteckter Zucker' die Ketose durchbrechen und Anfälle provozieren können.

Häufig gestellte Fragen

Nein, sie werden initial unverändert belassen. Vorsicht ist jedoch bei Carboanhydrasehemmern (z.B. Topiramat) geboten, da das Risiko einer schweren metabolischen Azidose steigt.
Frühestens nach sechs Wochen, in der Regel jedoch nach drei Monaten. Bei Erfolglosigkeit kann die Diät dann zügig beendet werden.
Ja, die erfolgreiche Kombination von abgepumpter Muttermilch (ca. 9% der Tagesmenge) und ketogener Flaschennahrung ist möglich und zeigt eine vergleichbare Anfallskontrolle.
Kohlenhydratfreie Präparate für Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente (insbesondere Kalzium) müssen von Beginn an supplementiert werden, um Mangelzustände zu vermeiden.

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