Ernährung bei CED: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Regelmäßiges Screening auf Mangelernährung ist bei CED-Patienten essenziell, da diese die Prognose und Komplikationsraten verschlechtert.
- •Der Energiebedarf entspricht meist dem Gesunder (25-30 kcal/kg), der Proteinbedarf ist im aktiven Schub auf 1,0-1,2 g/kg erhöht.
- •Bei Eisenmangelanämie wird orales Eisen in Remission und intravenöses Eisen bei aktiver Erkrankung oder Hb < 10 g/dL empfohlen.
- •Die exklusive Formulanahrung ist Therapie der ersten Wahl zur Remissionsinduktion bei Kindern und Jugendlichen mit mildem Morbus Crohn.
- •Enterale Ernährung ist der parenteralen Ernährung vorzuziehen; Standard-Formulanahrung (polymer) wird empfohlen.
Hintergrund
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn (MC) und Colitis ulcerosa (CU) gehen mit einem hohen Risiko für Mangelernährung einher. Gleichzeitig nimmt die Prävalenz von Adipositas bei CED-Patienten zu, was das Komplikationsrisiko (insbesondere chirurgisch) erhöht und das Ansprechen auf Immunsuppressiva verschlechtern kann. Ein regelmäßiges Screening auf Mangelernährung ist essenziell, da diese Prognose, Komplikationsraten, Mortalität und Lebensqualität negativ beeinflusst.
Prävention und Risikofaktoren
Die Ernährung spielt eine Rolle bei der Entstehung von CED.
- Schützende Faktoren: Eine gemüsereiche Ernährung mit vielen n-3-Fettsäuren und wenig n-6-Fettsäuren senkt das Risiko. Stillen ist protektiv.
- Risikofaktoren: Ultrahochverarbeitete Lebensmittel und Emulgatoren (z. B. Carboxymethylcellulose) erhöhen das Risiko. Adipositas im Kindesalter erhöht das Risiko für Morbus Crohn.
Energiebedarf und Proteinbedarf
Der Energiebedarf von CED-Patienten entspricht weitgehend dem der gesunden Bevölkerung. Bei klinischem Verdacht auf Abweichungen sollte die indirekte Kalorimetrie genutzt werden.
- Energiebedarf in Remission: 25-30 kcal/kg KG/d
- Energiebedarf im aktiven Schub: 30-35 kcal/kg KG/d
| Krankheitsphase | Proteinbedarf | Bemerkung |
|---|---|---|
| Remission | 0,8-1,0 g/kg KG/d | Entspricht gesunden Erwachsenen |
| Aktiver Schub | 1,0-1,2 g/kg KG/d | Erhöhter Bedarf durch Inflammation und Katabolismus |
Mikronährstoffe und Eisen
CED-Patienten haben ein hohes Risiko für Mikronährstoffmangel (z. B. Eisen, Vitamin D, Zink). Ein regelmäßiges Screening ist auch in Remission indiziert. Bei Kortikosteroid-Therapie muss der Vitamin-D-Spiegel überwacht und ggf. mit Kalzium supplementiert werden, um einer Osteoporose vorzubeugen.
Eisensupplementierung: Ziel ist die Korrektur der Anämie und Normalisierung der Eisenspeicher.
| Therapieform | Indikation |
|---|---|
| Orales Eisen | Erstlinie bei inaktiver CED, leichtem Mangel und guter Verträglichkeit |
| Intravenöses Eisen | Erstlinie bei aktiver CED, Hb < 10 g/dL, oraler Intoleranz oder EPO-Bedar |
Medizinische Ernährungstherapie
Die enterale Ernährung (EE) ist der parenteralen Ernährung (PE) grundsätzlich vorzuziehen. Als Standardprodukt wird eine polymere Formulanahrung mit moderatem Fettgehalt empfohlen. Spezifische Zusätze (wie Glutamin oder n-3-Fettsäuren) sind nicht routinemäßig erforderlich.
Morbus Crohn
- Kinder und Jugendliche: Die exklusive Formulanahrung ist die Therapie der ersten Wahl zur Remissionsinduktion bei mildem MC.
- Erwachsene: Die "Crohn's Disease Exclusion Diet" (CDED) mit oder ohne partielle Formulanahrung kann bei leicht bis mittelschwer aktivem MC erwogen werden.
- Stenosen: Bei obstruktiven Symptomen ist eine ballaststoffmodifizierte Diät oder exklusive Formulanahrung indiziert.
Colitis ulcerosa
Die exklusive Formulanahrung wird zur primären Remissionsinduktion bei CU nicht empfohlen. Sie kann jedoch als supportive Therapie bei akuter schwerer CU eingesetzt werden.
Parenterale Ernährung (PE)
Eine PE ist nur indiziert, wenn eine bedarfsdeckende enterale Ernährung über mehrere Tage nicht möglich ist (z. B. Kurzdarmsyndrom, mechanischer Ileus, High-Output-Fistel proximal).
Perioperative Ernährung
CED-Patienten vor elektiven Eingriffen sollten nach dem ERAS-Protokoll (Enhanced Recovery After Surgery) behandelt werden. Ein präoperatives Fasten ab Mitternacht ist obsolet.
| Phase | Maßnahme | Indikation / Bemerkung |
|---|---|---|
| Präoperativ | Screening & Therapie | Bei Mangelernährung/hohem Risiko: 10-14 Tage Ernährungstherapie (bevorzugt enteral) |
| Perioperativ | Orale Trinknahrung (ONS) | Wenn Energiebedarf nicht durch Normalkost gedeckt wird |
| Postoperativ | Enterale/Parenterale Ernährung | Start an Tag 1, wenn Patient mangelernährt ist oder orale Zufuhr >7 Tage <50 % bleibt |
Spezielle klinische Situationen
- High-Output-Stoma / Schwere Diarrhoe: Urinmenge (>1.000 mL/d anstreben) und Urinnatrium überwachen. Hypotone Flüssigkeiten reduzieren, isotone Glukose-Kochsalzlösung erhöhen.
- Refeeding-Syndrom: Bei längerer Mangelernährung muss die Wiederernährung langsam erfolgen. Thiamin und Elektrolyte (Magnesium, Phosphat, Kalium) engmaschig überwachen und substituieren.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie bei CED-Patienten mit aktiver Erkrankung oder Hb < 10 g/dL primär intravenöses Eisen. Achten Sie bei längerer Mangelernährung auf eine langsame Wiederernährung unter Thiamin-Gabe zur Vermeidung eines Refeeding-Syndroms.