Gastrointestinale Blutung: S2k-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Bei hämodynamischer Instabilität steht die Kreislaufstabilisierung mit Kristalloiden vor der Endoskopie.
- •Es gilt eine restriktive Transfusionsstrategie mit einem Ziel-Hb von 7-9 g/dl (Ausnahme: massiver Schock).
- •Bei nicht-variköser oberer GI-Blutung soll präendoskopisch ein PPI-Bolus (80 mg i.v.) verabreicht werden.
- •Bei Verdacht auf Varizenblutung müssen sofort Vasokonstriktoren und Antibiotika i.v. gegeben werden.
- •Die Notfallendoskopie soll bei hämorrhagischem Schock oder Varizenblutung innerhalb von 12 Stunden erfolgen.
Hintergrund
Die gastrointestinale Blutung (GIB) erfordert ein differenziertes Vorgehen von der initialen Risikoeinschätzung bis zur endoskopischen Therapie. Die initiale Einschätzung umfasst Anamnese (Begleitsymptome, Medikation wie Antikoagulantien/NSAR), körperliche Untersuchung (inkl. digital-rektaler Untersuchung) und Vitalparameter.
- Starke Empfehlung: Bestimmung des Hämoglobinwerts bei vermuteter GIB.
- Offene Empfehlung: Point-of-care-Diagnostik inkl. Laktatbestimmung (Laktat >5 mmol/l zeigt ein erhöhtes Letalitätsrisiko an).
Risikostratifizierung
Zur präendoskopischen Risikostratifizierung bei nicht-variköser oberer GIB kann der modifizierte Glasgow-Blatchford-Score (mGBS) herangezogen werden. Der Rockall-Score soll präendoskopisch nicht verwendet werden.
| mGBS-Kriterium | Ausprägung | Punkte |
|---|---|---|
| Herzfrequenz | ≥ 100 /min | 1 |
| Systolischer RR | 100–109 mmHg | 1 |
| Systolischer RR | 90–99 mmHg | 2 |
| Systolischer RR | < 90 mmHg | 3 |
| Harnstoff | 18,2–22,3 mg/dl | 2 |
| Harnstoff | 22,4–27,9 mg/dl | 3 |
| Harnstoff | 28–69,9 mg/dl | 4 |
| Harnstoff | ≥ 70 mg/dl | 6 |
| Hämoglobin (Männer) | 12–12,9 g/dl | 1 |
| Hämoglobin (Männer) | 10–11,9 g/dl | 3 |
| Hämoglobin (Männer) | < 10 g/dl | 6 |
| Hämoglobin (Frauen) | 10–11,9 g/dl | 3 |
| Hämoglobin (Frauen) | < 10 g/dl | 6 |
Patienten mit einem mGBS von 0–1 (Niedrigrisiko) können einer ambulanten Gastroskopie zugeführt werden.
Volumen- und Transfusionsmanagement
Bei hämodynamischer Instabilität steht die Kreislaufstabilisierung vor der Endoskopie.
- Starke Empfehlung: Unverzüglicher Volumenersatz mittels kristalloider Lösungen.
- Starke Empfehlung: Restriktive Transfusionsstrategie. Allogene Erythrozytenkonzentrate sollen gegeben werden, um den Hb-Wert zwischen 7 bis 9 g/dl zu stabilisieren.
- Empfehlung: Bei Hb > 10 g/dl ohne anämische Hypoxie keine Transfusion.
- Bei massiver Blutung und hämorrhagischem Schock Transfusion nach klinischer Einschätzung.
Medikamentöse Therapie
Nicht-variköse obere GIB
- Starke Empfehlung: Protonenpumpenhemmer (PPI) als i.v. Bolusgabe (z.B. Pantoprazol 80 mg i.v.) präendoskopisch.
- Empfehlung: Fortsetzung der PPI-Gabe i.v. (wiederholte Boli oder Perfusor) bis zur Endoskopie.
Variköse obere GIB
- Starke Empfehlung: Intravenöse Therapie mit einem Vasokonstriktor noch vor der Endoskopie beginnen und für 3-5 Tage fortsetzen.
- Starke Empfehlung: Intravenöse Antibiotika-Therapie (z.B. Ceftriaxon) vor der Endoskopie beginnen und für 5-7 Tage fortsetzen.
| Wirkstoff | Initiale Dosis (Bolus) | Erhaltungsdosis |
|---|---|---|
| Terlipressin | 2 mg i.v. | 1 mg alle 6h i.v. für 5 Tage |
| Somatostatin | 250 µg i.v. | 250 µg/h i.v. für 5 Tage |
| Octreotid | 50 µg i.v. | 25 µg/h i.v. für 5 Tage |
Prokinetika
- Empfehlung: Bei vermuteter schwerer oberer GIB sollte Erythromycin (250 mg i.v. als Kurzinfusion) 30-120 Minuten vor der Endoskopie gegeben werden, um die Beurteilbarkeit zu verbessern.
Zeitpunkt der Endoskopie
| Blutungstyp & Klinik | Empfohlener Zeitpunkt |
|---|---|
| Obere GIB + hämorrhagischer Schock | < 12 Stunden (nach Kreislaufstabilisierung) |
| Obere GIB + Hochrisiko | < 24 Stunden |
| Obere GIB + hämodynamisch stabil | < 72 Stunden (frühelektiv) |
| Variköse GIB | < 12 Stunden (bei Instabilität frühestmöglich) |
| Untere GIB + hämorrhagischer Schock | < 12 Stunden (erst ÖGD, dann Koloskopie) |
Hinweis: Bei Hämatochezie mit hämodynamischer Instabilität sollte vor der Koloskopie eine Gastroskopie zum Ausschluss einer oberen GIB erfolgen.
Gerinnungsmanagement und Antikoagulation
Eine notwendige endoskopische Intervention soll unabhängig von vorliegenden Laborwerten begonnen werden.
- Starke Empfehlung: Bei akuter Blutung Antikoagulation bis zur Notfall-Endoskopie aussetzen.
- Starke Empfehlung: DOAKs sollen bei vital bedrohlicher Blutung mit PPSB oder aPPSB antagonisiert werden (oder mit spezifischen Inhibitoren wie Idarucizumab).
- Starke Empfehlung: Bei primär erfolgreicher endoskopischer Blutstillung soll keine Antagonisierung erfolgen.
- Empfehlung: Thrombozytenaggregationshemmer (TAH) zur Primärprophylaxe periinterventionell pausieren. Bei Sekundärprophylaxe (z.B. Stents) nach Blutstillung so rasch wie möglich wiederaufnehmen.
💡Praxis-Tipp
Geben Sie bei Verdacht auf eine schwere obere GI-Blutung 30-120 Minuten vor der Endoskopie 250 mg Erythromycin i.v. als Kurzinfusion. Dies fördert die Magenentleerung und verbessert die endoskopischen Sichtverhältnisse erheblich.