Diabetische Retinopathie: Leitlinie (Diabetes Canada)
📋Auf einen Blick
- •Das Screening auf diabetische Retinopathie sollte bei Typ-1-Diabetes ab 5 Jahren nach Diagnose (bei Patienten ab 15 Jahren) und bei Typ-2-Diabetes direkt bei Diagnosestellung beginnen.
- •Eine optimale Blutzuckereinstellung mit einem Ziel-HbA1c von ≤ 7 % verzögert das Auftreten und die Progression der Erkrankung signifikant.
- •Anti-VEGF-Injektionen gelten als Erstlinientherapie bei zentrumsbeteiligtem diabetischem Makulaödem (DME).
- •Die Zugabe von Fenofibrat zu einer Statintherapie kann bei Typ-2-Diabetikern die Progression einer etablierten Retinopathie verlangsamen.
Hintergrund
Die diabetische Retinopathie ist die häufigste Erblindungsursache bei Menschen im erwerbsfähigen Alter. Die Erkrankung wird klinisch anhand des Ausmaßes der retinalen Gefäßveränderungen diagnostiziert und in drei Hauptformen unterteilt:
- Makulaödem: Diffuse oder fokale Gefäßleckage an der Makula.
- Nicht-proliferative und proliferative Retinopathie: Zunehmende mikrovaskuläre Veränderungen (Mikroaneurysmen, intraretinale Blutungen), die letztlich zu abnormalem Gefäßwachstum auf der Papille oder Retina führen.
- Retinaler Kapillarausfall: Ein auf der Angiografie sichtbarer Gefäßverschluss, für den es derzeit keine spezifische Heilung gibt.
Screening-Empfehlungen
Da die diabetische Retinopathie oft unbemerkt bleibt, bis ein Sehverlust eintritt, ist ein regelmäßiges Screening durch qualifiziertes Fachpersonal (Optometristen oder Ophthalmologen) essenziell. Als Goldstandard gilt die stereoskopische 7-Feld-Farbfundusfotografie.
| Diabetestyp | Beginn des Screenings | Intervall (ohne Retinopathie) |
|---|---|---|
| Typ 1 | 5 Jahre nach Diagnose (bei Patienten ≥ 15 Jahre) | Jährlich |
| Typ 2 | Direkt bei Diagnosestellung | Alle 1 bis 2 Jahre |
Prävention und Risikofaktoren
Eine optimale Einstellung der systemischen Risikofaktoren ist entscheidend, um das Auftreten und die Progression der Retinopathie zu verzögern:
- Blutzuckerkontrolle: Ein Ziel-HbA1c von ≤ 7 % wird empfohlen. Eine intensive Blutzuckersenkung reduziert die Entwicklung und Progression der Retinopathie.
- Blutdruck: Eine strikte Blutdruckkontrolle senkt das Risiko der Progression. Es gibt jedoch keine ausreichende Evidenz, um eine primärpräventive RAAS-Blockade bei normotensiven Patienten generell zu empfehlen.
- Lipidsenker: Die Zugabe von Fenofibrat zur Statintherapie kann bei Typ-2-Diabetikern erwogen werden, um die Progression einer etablierten Retinopathie zu verlangsamen.
- Thrombozytenaggregationshemmer: ASS beeinflusst die Inzidenz oder Progression der Retinopathie nicht und erhöht nicht das Risiko für Glaskörperblutungen oder Makulaödeme.
Therapieoptionen
Die Behandlung richtet sich nach dem Stadium der Retinopathie und dem Vorliegen eines Makulaödems. Bei visuell eingeschränkten Patienten sollte zudem eine Überweisung zur Low-Vision-Rehabilitation erfolgen.
| Therapie | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Anti-VEGF-Injektionen | Zentrumsbeteiligtes diabetisches Makulaödem (DME) | Erstlinientherapie (Ranibizumab, Aflibercept, Bevacizumab). Führt zu Visusverbesserung und Reduktion der Makuladicke. |
| Lasertherapie | Schwere nicht-proliferative oder proliferative Retinopathie | Panretinale Photokoagulation reduziert das Erblindungsrisiko um 90 %. Fokaler Laser wird bei nicht-zentralem Makulaödem eingesetzt. |
| Intraokulare Steroide | Makulaödem (DME) | Triamcinolon, Dexamethason, Fluocinolon. Geht mit einem erhöhten Risiko für Glaukom und Katarakt einher. |
| Vitreoretinale Chirurgie | Nicht klärende Glaskörperblutung, Traktion, persistierende Neovaskularisation | Eine frühzeitige Vitrektomie verbessert die visuellen Ergebnisse. Perioperatives ASS oder Warfarin erhöhen das Blutungsrisiko nicht. |
💡Praxis-Tipp
Veranlassen Sie bei Patienten mit neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes umgehend ein augenärztliches Screening. Bei 21 bis 39 % dieser Patienten liegen bereits bei Diagnosestellung Frühformen der Retinopathie vor.