Typ-1-Diabetes bei Kindern: Leitlinie (Diabetes Canada)
📋Auf einen Blick
- •Das HbA1c-Ziel für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren liegt bei <=7,5 %.
- •Bei einer diabetischen Ketoazidose (DKA) darf kein intravenöser Insulinbolus verabreicht werden, um das Risiko eines Hirnödems zu minimieren.
- •Die Insulininfusion bei DKA darf frühestens eine Stunde nach Beginn der Flüssigkeitstherapie gestartet werden.
- •Ein interdisziplinäres pädiatrisches Diabetesteam ist für die Schulung und Betreuung essenziell.
- •Das routinemäßige Screening auf Nephropathie und Dyslipidämie beginnt in der Regel ab dem 12. Lebensjahr.
Hintergrund
Diabetes mellitus ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindesalter. Die Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes erfordert ein spezialisiertes, interdisziplinäres pädiatrisches Diabetesteam (u.a. Kinderendokrinologe, Ernährungsberater, Diabetesberater, Sozialarbeiter, Psychologe) [Grade D, Level 4]. Die Aufklärung und Schulung der Familie ist essenziell, um die glykämische Kontrolle zu optimieren und akute Komplikationen wie die diabetische Ketoazidose (DKA) oder schwere Hypoglykämien zu vermeiden.
Blutzuckerziele
Eine verbesserte Stoffwechseleinstellung reduziert das Risiko für diabetesbedingte Komplikationen. Die Ziele müssen jedoch individuell angepasst werden, um schwere Hypoglykämien zu vermeiden, insbesondere bei Kindern unter 6 Jahren, da hier ein Zusammenhang zwischen schweren Hypoglykämien und späteren kognitiven Beeinträchtigungen bestehen kann [Grade D, Level 4].
| Alter | HbA1c (%) | Nüchtern/Präprandial (mmol/L) | 2h-Postprandial (mmol/L) |
|---|---|---|---|
| <18 Jahre | <=7,5 | 4,0–8,0 | 5,0–10,0 |
Insulintherapie
Die Insulintherapie ist die Basis der medizinischen Behandlung. Kinder mit neu aufgetretenem Diabetes sollten mit schnell wirkenden Insulinanaloga (Bolus) kombiniert mit Basalinsulin (Verzögerungsinsulin oder lang wirkendes Analogon) behandelt werden [Grade D, Consensus]. Die Therapie kann als intensivierte konventionelle Therapie (ICT) oder mittels Insulinpumpe (CSII) erfolgen.
Wenn die HbA1c-Ziele nicht erreicht werden, sollte die Therapie intensiviert werden (z.B. häufigere Injektionen, Wechsel des Insulintyps oder Wechsel auf CSII) [Grade A, Level 1 für Jugendliche; Grade D für jüngere Kinder].
Hypoglykämie-Management
Die Behandlung einer Hypoglykämie muss individualisiert erfolgen. Bei leichten bis mittelschweren Hypoglykämien richtet sich die Kohlenhydratzufuhr nach dem Alter:
| Alter | Kohlenhydrate | Beispiel (Glukosetabletten à 4g) | Beispiel (Saft/Softdrink) |
|---|---|---|---|
| <5 Jahre | 5 g | 1 | 40 mL |
| 5–10 Jahre | 10 g | 2 oder 3 | 85 mL |
| >10 Jahre | 15 g | 4 | 125 mL |
- Mini-Dosis Glukagon: Im häuslichen Umfeld kann bei drohender Hypoglykämie und Nahrungsverweigerung eine Mini-Dosis Glukagon (10 mcg pro Lebensjahr; min. 20 mcg, max. 150 mcg) erwogen werden [Grade D, Level 4].
- Schwere Hypoglykämie (bewusstlos):
-
5 Jahre: 1 mg Glukagon s.c. oder i.m. [Grade D, Consensus]
- <=5 Jahre: 0,5 mg Glukagon [Grade D, Consensus]
- Im Krankenhaus: Dextrose 0,5 bis 1 g/kg i.v. über 1-3 Minuten [Grade D, Consensus].
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Diabetische Ketoazidose (DKA)
Die DKA ist die führende Ursache für Morbidität und Mortalität bei Kindern mit Typ-1-Diabetes. Das Management unterscheidet sich von dem bei Erwachsenen, da bei Kindern ein deutlich erhöhtes Risiko für ein Hirnödem (0,5-1 % der Fälle) besteht.
Risikofaktoren für ein Hirnödem bei DKA
| Kategorie | Risikofaktoren |
|---|---|
| Patientenmerkmale | Alter <5 Jahre, Erstmanifestation des Diabetes |
| Laborparameter | Schwere Azidose (niedriger pH/Bikarbonat), hoher initialer Harnstoff, niedriges pCO2, fehlender Natrium-Anstieg unter Therapie |
| Behandlungsfehler | Schnelle Gabe hypotoner Flüssigkeiten, IV-Insulinbolus, frühe IV-Insulininfusion (<1h nach Flüssigkeitsstart), Bikarbonat-Gabe |
Therapie-Empfehlungen bei DKA
- Kein Insulinbolus: Ein intravenöser Insulinbolus darf nicht gegeben werden [Grade D, Consensus].
- Verzögerter Insulinstart: Die Insulininfusion darf frühestens 1 Stunde nach Beginn der Flüssigkeitstherapie gestartet werden [Grade D, Level 4].
- Insulindosis: Start mit 0,05 bis 0,1 Einheiten/kg/h i.v. [Grade A, Level 1A].
- Flüssigkeit: Schnelle hypotone Flüssigkeitsgaben vermeiden. Das Flüssigkeitsdefizit sollte über 48 Stunden ausgeglichen werden [Grade D, Level 4].
- Bikarbonat: Gabe vermeiden (außer bei extremem Kreislaufversagen), da es mit Hirnödemen assoziiert ist [Grade D, Level 4].
- Hirnödem-Therapie: Mannitol oder hypertone Kochsalzlösung können verwendet werden [Grade D, Level 4].
Screening auf Komplikationen und Komorbiditäten
Das Risiko für mikrovaskuläre Komplikationen steigt ab der Pubertät. Ein regelmäßiges Screening ist essenziell:
| Komplikation/Komorbidität | Beginn des Screenings | Intervall | Methode |
|---|---|---|---|
| Nephropathie | Ab 12 Jahren (bei >5 Jahren Diabetesdauer) | Jährlich | Urin-Albumin-Kreatinin-Quotient (ACR) im Morgenurin [Grade B, Level 2] |
| Retinopathie | Ab 15 Jahren (bei >5 Jahren Diabetesdauer) | Jährlich (oder alle 2 Jahre bei guter Kontrolle) | Funduskopie/Fotografie [Grade C, Level 3] |
| Neuropathie | Ab 15 Jahren (bei >5 Jahren Diabetesdauer & schlechter Kontrolle) | Jährlich | Klinische Untersuchung (Sensibilität, Reflexe) [Grade D, Consensus] |
| Dyslipidämie | Mit 12 und 17 Jahren (<12 J. nur bei Risikofaktoren wie Adipositas) | Alle 5 Jahre | Nüchtern- oder Nicht-Nüchtern-Lipide [Grade D, Consensus] |
| Schilddrüse (AITD) | Bei Diagnose | Alle 2 Jahre | TSH + TPO-Antikörper [Grade D, Consensus] |
| Zöliakie | Bei klinischem Verdacht/Symptomen | Nach Bedarf | Gewebstransglutaminase + IgA [Grade D, Consensus] |
Zudem sollten Kinder und Jugendliche regelmäßig auf psychosoziale Störungen (z.B. Depressionen, Essstörungen) gescreent werden [Grade D, Consensus]. Insbesondere bei chronisch schlechter Stoffwechseleinstellung (HbA1c >10 %) ist ein multidisziplinäres Assessment erforderlich.
💡Praxis-Tipp
Geben Sie bei einer diabetischen Ketoazidose (DKA) im Kindesalter niemals einen intravenösen Insulinbolus. Starten Sie die Insulininfusion frühestens eine Stunde nach Beginn der Flüssigkeitstherapie, um das Risiko eines lebensbedrohlichen Hirnödems zu minimieren.