HIV-Testung: Leitlinie zur Diagnostik (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Die Teststrategie richtet sich maßgeblich nach der lokalen HIV-Prävalenz (hoch: 2-5/1000, extrem hoch: >5/1000).
- •In Gebieten mit extrem hoher Prävalenz sollte jedem Patienten bei Krankenhausaufnahme oder in der Hausarztpraxis ein Test angeboten werden.
- •Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), sollten mindestens jährlich, bei wechselnden Partnern alle 3 Monate getestet werden.
- •Viertgenerations-Tests (Antikörper und p24-Antigen) verkürzen das diagnostische Fenster auf etwa einen Monat.
- •Point-of-Care-Tests (POCT) erfordern bei reaktivem Ergebnis immer eine serologische Bestätigung.
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie zielt darauf ab, die Rate unerkannter HIV-Infektionen durch eine Ausweitung der Testangebote zu senken. Die Intensität der Teststrategie richtet sich nach der lokalen HIV-Prävalenz in der Altersgruppe der 15- bis 59-Jährigen.
| Prävalenz-Kategorie | Definition (Diagnostizierte Fälle) |
|---|---|
| Hoch | 2 bis 5 pro 1.000 Personen |
| Extrem hoch | $\ge$ 5 pro 1.000 Personen |
Testmethoden und Diagnostik
Die Leitlinie unterscheidet verschiedene Testverfahren, über deren Spezifität, Sensitivität und diagnostisches Fenster Patienten aufgeklärt werden müssen:
| Testverfahren | Eigenschaften & Fensterphase | Bemerkung |
|---|---|---|
| Serologischer Test (4. Generation) | Detektiert Antikörper und p24-Antigen simultan. Fensterphase: ca. 1 Monat. | Goldstandard in der klinischen Routine. |
| Point-of-Care-Test (POCT) | Schnelltest. Geringere Spezifität/Sensitivität als 4. Gen. | Bei reaktivem Ergebnis ist immer ein serologischer Bestätigungstest erforderlich. |
| Selbstentnahme (Self-sampling) | Patient entnimmt Blut/Speichel selbst und sendet es ins Labor. | Besonders für schwer erreichbare Risikogruppen empfohlen. |
Indikationen nach Behandlungseinrichtung
Spezialisierte Zentren für sexuelle Gesundheit
- Jedem Patienten, der zur Testung oder Behandlung vorstellig wird, ist ein HIV-Test anzubieten.
- Es müssen sowohl Tests der 4. Generation als auch POCT verfügbar sein.
Krankenhäuser und Notaufnahmen
Ein routinemäßiger Test wird bei Erstvorstellung in folgenden Bereichen empfohlen:
- Drogenentzugsprogramme
- Schwangerschaftsabbrüche
- Behandlung von Hepatitis B, Hepatitis C, Lymphomen oder Tuberkulose
Zusätzlich ist ein Test bei Aufnahme anzubieten, wenn:
- Indikatorerkrankungen vorliegen (z.B. Mononukleose-artiges Syndrom).
- Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe besteht (z.B. MSM, Herkunft aus Hochprävalenzland, i.v. Drogenkonsum, Chemsex).
- In Gebieten mit hoher Prävalenz: Bei allen Patienten, denen aus anderen Gründen Blut abgenommen wird.
- In Gebieten mit extrem hoher Prävalenz: Bei allen Patienten (unabhängig von anderen Blutentnahmen).
Hausarztpraxen (Allgemeinmedizin)
Die Indikationen entsprechen weitgehend denen im Krankenhaus (Risikogruppen, Indikatorerkrankungen).
- In Gebieten mit hoher Prävalenz: Testangebot bei Neuregistrierung in der Praxis oder bei anderweitiger Blutentnahme (sofern kein Test im letzten Jahr erfolgte).
- In Gebieten mit extrem hoher Prävalenz: Opportunistisches Testangebot bei jeder Konsultation erwägen, basierend auf klinischer Einschätzung.
Wiederholungstests und Partnerbenachrichtigung
Für Personen mit anhaltend hohem Expositionsrisiko werden regelmäßige Wiederholungstests empfohlen:
| Risikogruppe | Empfohlenes Testintervall |
|---|---|
| MSM (Männer, die Sex mit Männern haben) | Mindestens jährlich |
| MSM mit neuen/wechselnden Partnern | Alle 3 Monate |
| Schwarzafrikanische Männer und Frauen | Regelmäßig bei ungeschütztem Sex mit neuen/wechselnden Partnern |
Praxisrelevante Maßnahmen:
- Bei negativem Test nach kürzlicher Exposition: Erneuter Test nach Ablauf der Fensterphase.
- Nutzung von Call-Recall-Systemen (z.B. SMS, E-Mail) oder elektronischen Erinnerungen in der Patientenakte zur Förderung von Wiederholungstests.
- Partner von positiv getesteten Personen müssen durch strukturierte Partnerbenachrichtigungsverfahren umgehend ein Testangebot erhalten.
Abbau von Barrieren
- Wenn eine venöse Blutentnahme abgelehnt wird, sollten weniger invasive Methoden (Mundabstrich, Fingerprick) angeboten werden.
- Positiv getestete Patienten sollten idealerweise innerhalb von 48 Stunden, spätestens jedoch nach 2 Wochen, von einem HIV-Spezialisten gesehen werden.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie in Gebieten mit hoher HIV-Prävalenz routinemäßige Blutentnahmen (z.B. im Krankenhaus oder beim Hausarzt) konsequent als Gelegenheit, einen HIV-Test anzubieten. Klären Sie bei Point-of-Care-Tests (Schnelltests) immer vorab darüber auf, dass ein positives Ergebnis serologisch bestätigt werden muss.