Venenthrombose & Lungenembolie: AWMF-Leitlinie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Diagnostik einer tiefen Beinvenenthrombose (TVT) soll immer mit der Einschätzung der klinischen Wahrscheinlichkeit (z. B. Wells-Score) beginnen.
  • Bei Patienten ab 50 Jahren sollte ein altersadjustierter D-Dimer-Grenzwert (Lebensalter x 10 µg/l) verwendet werden.
  • Ein Thromboseausschluss darf niemals allein auf Basis negativer D-Dimere ohne klinische Wahrscheinlichkeitseinschätzung erfolgen.
  • Die duplex-unterstützte vollständige Kompressionssonografie (dv-KUS) ist die primäre Bildgebung der Wahl.
  • Bei hoher klinischer Wahrscheinlichkeit und Zeitverzug in der Bildgebung sollte eine Interims-Antikoagulation eingeleitet werden.
Frage zu dieser Leitlinie stellen...

Hintergrund

Die venöse Thromboembolie (VTE) umfasst die tiefe Venenthrombose (TVT) und die Lungenembolie (LE). Sie ist nach Myokardinfarkt und Schlaganfall die dritthäufigste zum Tode führende Herz-Kreislauf-Erkrankung. Das Auftreten einer VTE ist multifaktoriell und resultiert aus patientenseitigen (dispositionellen) und externen (expositionellen) Risikofaktoren.

Empfehlung: Bei jeder venösen Thromboembolie sollen die relevanten Risikofaktoren identifiziert werden, da dies Einfluss auf die Therapie und Sekundärprophylaxe hat (Empfehlungsstärke: ⇑⇑).

RisikokategorieBeispiele (Auswahl)
Starke Faktoren (OR > 10)Fraktur der unteren Extremitäten, Hüft-/Kniegelenksersatz, schweres Trauma, VTE in der Vorgeschichte
Moderate Faktoren (OR 2–9)Arthroskopische Knie-OP, Autoimmunerkrankungen, ZVK, aktive Tumorerkrankung, Schwangerschaft/Wochenbett
Schwache Faktoren (OR < 2)Bettruhe > 3 Tage, Adipositas, höheres Alter, Varikosis

Klinische Wahrscheinlichkeit (Wells-Score)

Der diagnostische Prozess sollte mit der Einschätzung der klinischen Wahrscheinlichkeit beginnen (Empfehlungsstärke: ⇑). Hierfür eignen sich validierte Scores wie der Wells-Score. Das Ergebnis sollte dokumentiert werden.

Klinisches CharakteristikumPunkte
Aktive Tumorerkrankung (Diagnose < 6 Monate oder Palliativsituation)1
Ruhigstellung eines Beines (Verband oder Parese)1
Bettruhe an ≥ 3 Tagen oder große OP innerhalb der letzten 3 Monate1
Druckschmerz im Verlauf der tiefen Venen1
Schwellung des gesamten Beines1
Unterschenkelschwellung mit ≥ 3 cm Umfangsdifferenz zur Gegenseite1
Einseitiges Ödem am symptomatischen Bein1
Prominente, nicht-variköse oberflächliche Kollateralvenen1
Tiefe Venenthrombose in der Vorgeschichte1
Alternative Diagnose mindestens ebenso wahrscheinlich wie TVT-2

Auswertung (2-stufiger Score): ≥ 2 Punkte = hohe Wahrscheinlichkeit; 0-1 Punkte = niedrige Wahrscheinlichkeit.

D-Dimer-Testung

Für die D-Dimer-Diagnostik sollte ein hochsensitiver, quantitativer Test eingesetzt werden (Empfehlungsstärke: ⇑).

  • Altersadjustierung: Da D-Dimere im Alter physiologisch ansteigen, lässt sich bei Patienten ≥ 50 Jahre die Spezifität durch einen altersadjustierten Grenzwert erhöhen (Lebensalter x 10 µg/l). Für Patienten < 50 Jahre gilt weiterhin der Standardgrenzwert (meist 500 µg/l).
  • Ausschluss: Bei Verdacht auf TVT, niedriger klinischer Wahrscheinlichkeit und normwertigen D-Dimeren sollte eine Thrombose als ausgeschlossen gelten (Empfehlungsstärke: ⇑).
  • Warnung: Ein Thromboseausschluss soll nicht allein auf Basis negativer D-Dimere erfolgen (Empfehlungsstärke: ⇓⇓). Bei hoher klinischer Wahrscheinlichkeit soll keine D-Dimer-Testung erfolgen, sondern direkt eine Bildgebung veranlasst werden (Empfehlungsstärke: ⇓⇓).

Bildgebende Diagnostik

Als primäre Bildgebung sollte die duplex-unterstützte vollständige Kompressionssonografie (dv-KUS) eingesetzt werden (Empfehlungsstärke: ⇑). Sie umfasst die tiefen Leitvenen des Ober- und Unterschenkels sowie ein Strömungsprofil der Vena femoralis communis im Seitenvergleich.

UltraschallstrategieSensitivitätSpezifitätBemerkung
Kompletter KUS (dv-KUS)94,0 %97,3 %Methode der 1. Wahl
Proximaler KUS (POCUS)90,1 %98,5 %Erfordert zwingend Zweituntersuchung nach 4-7 Tagen
  • Limitierter Ultraschall: Ist eine dv-KUS nicht zeitnah möglich, soll ein limitierter Point-of-Care-Ultraschall (POCUS) durchgeführt werden. Zum sicheren Ausschluss ist dann jedoch eine Zweituntersuchung (bevorzugt dv-KUS) innerhalb von 4-7 Tagen erforderlich (Empfehlungsstärke: ⇑⇑).
  • Dokumentation: Untersuchungsumfang, pathologische Befunde und Ultraschallqualität sollen nachvollziehbar dokumentiert werden (Empfehlungsstärke: ⇑⇑).
  • Gegenseite: Bei nachgewiesener TVT im symptomatischen Bein sollte auch das andere Bein sonografisch untersucht werden (Empfehlungsstärke: ⇑).

Vorgehen bei Zeitverzug

Kann eine Ultraschalldiagnostik nicht zeitnah erfolgen, sollte bei hoher klinischer Wahrscheinlichkeit (≥ 2 Punkte im Wells-Score) eine vorläufige therapeutische Antikoagulation (Interims-Antikoagulation) bis zur definitiven Klärung eingeleitet werden (Empfehlungsstärke: ⇑). Die Bildgebung ist schnellstmöglich nachzuholen.

💡Praxis-Tipp

Nutzen Sie bei Patienten ab 50 Jahren den altersadjustierten D-Dimer-Grenzwert (Alter x 10 µg/l), um falsch-positive Ergebnisse und unnötige Ultraschalluntersuchungen zu reduzieren. Leiten Sie bei hoher klinischer Wahrscheinlichkeit und fehlender zeitnaher Ultraschall-Verfügbarkeit umgehend eine Interims-Antikoagulation ein.

Häufig gestellte Fragen

Bei Patienten ab 50 Jahren wird das Lebensalter mit 10 multipliziert. Ein 75-jähriger Patient hat somit einen Grenzwert von 750 µg/l.
Nein. Ein Ausschluss darf laut Leitlinie niemals allein auf Basis der D-Dimere erfolgen. Er ist nur zulässig in Kombination mit einer niedrigen klinischen Wahrscheinlichkeit (Wells-Score 0-1).
Führen Sie einen limitierten Point-of-Care-Ultraschall (POCUS) durch oder leiten Sie bei hoher klinischer Wahrscheinlichkeit eine Interims-Antikoagulation ein, bis die vollständige Sonografie (dv-KUS) nachgeholt werden kann. Bei unauffälligem POCUS muss die Untersuchung nach 4-7 Tagen wiederholt werden.
Ja, bei nachgewiesener TVT im symptomatischen Bein sollte auch die Gegenseite untersucht werden, da in 5-10 % der Fälle beidseitige Thrombosen vorliegen.

Verwandte Leitlinien